Sonntag, 23. Juli 2017

Theaterwohnung 13

Hässlichkeit ist wie eine Keule. Sie haut Dich um. Hinterrücks.
Holzimitattapete, selbst das Wort ist eine monströse Konstruktion. Schwammtechnik in orangerot links und rechts, dazwischen schlecht nachempfunden gemalte Bretter. Die restlichen Wände erstrahlen in graugelbweiß. Warum nur? Die 100% Polyester-Bettwäsche schmiegt sich liebevoll in orangegelbgrünweiß der Wanddekoration an.
Wer denkt sich solch einen Tisch aus? Plump und ungelenk, obwohl er rollt. Dickes totes Holz, das aussieht, als wäre es nie ein Baum gewesen. Derselbe Rohstoff wurde auch für die dicklichen Nachttischen verwendet. Das silberne Sofa hat silberne Kissen, mit silbernem Kringelmuster. Die nicht wirklich weißen Wände wurden mit Bildern dekoriert. Wer malt solche Bilder? Menschen auf Droge? Menschen im Wahn? Menschen, die Maler werden wollten? Menschen?
Was gut ist, die Wohnung liegt mitten im Zentrum. Sie ist sauber. Zwei Zimmer und ein Bad mit Boiler, der den 40. Jahrestag der DDR noch miterlebt hat. Heiß geht, kalt geht. Da muß man sich schnell die Haare waschen. Das hält wach.
Alles in diesen Räumen ist irgendwie ok und gleichzeitig grauenhaft grässlich. 








Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

Vorausgeschickt: Ich liebe Science Fiction. Ich gucke mir in diesem Genre jeden Scheiß an und bin leicht verführbar. 
Avengers, Thor, Guardians, Star Wars, Batman, Mad Max - ich bin da.
Infiziert haben mich Ridley Scott, Isaac Asimov und Stanislaw Lem.
Heute in der Spätvorstellung: Valerian, Luc Bessons neuester Science-fiction Film. Geschrieben auf der Basis einer französischen Comic-Serie, die er als Kind liebte und nun in fünfjähriger Arbeit verfilmt hat.
Besson.
Im Rausch der Tiefe. Nikita. 
Leon Der Profi. Leon Der Profi. Leon Der Profi. Ach, ach, ach. Zehn mal gesehen. Jedesmal geweint. Ich hätte auch den Blumentopf gespielt.
Das Fünfte Element. Lucy war dann nicht so meins.

Mannomann. 
Mehr als zwei Stunden lang, großartige Bilder, tolle Bilder, zitierte Bilder, allzubekannte Bilder, viele Bilder, zu viele Bilder, viel zu viele Bilder. 
Avatar hängt als Mutterschiff über dem Plot, nur dass hier die mit-der-Natur-im-Reinen-seienden-Aliens, nicht langgestreckt und blau sind, sondern wie hyperschlanke, gebleichte nubische Volkstänzer mit Barbiefigur aussehen. Sie schimmern und neigen in Momenten des Glücks zum Piruettendrehen. Ihre Haustiere sind bunt und niedlich und scheißen Überfluß.
Einige der anderen auftretenden Aliens haben schon in Star Wars und Guardians Of The Galaxy kleinere Rollen verkörpert. Bessere Flugkampfszenen als in Star Wars 4/5/6 hat sowieso noch keiner gedreht und Rutger Hauer, was ist dem nur seit Bladerunner geschehen, hat einen Kurzauftritt, später bemüht sich Clive Owen chancenlos um die Darstellung eines interessanten Bösewichts.
Einfall reiht sich an Einfall, eine Idee erschlägt die nächste, nur nichts auslassen. Keine Sekunde lang darf mal nichts passieren. Hektik. Hast. Hysterie. Überdosis. Ich habe zwischendurch die Augen geschlossen, um meine Pupillen auszuruhen. Im Zentrum dieses visuellen Orkans sitzt dann eine dünne Geschichte gespielt von recht schlechten Schauspielern unter Verwendung hölzener Dialogversatzstücke und pseudo-philosophischen Dünnschisses. 
Irgendjemand muß ich in einem Film mögen, für ihn zittern, ihm Glück wünschen, ihn lieb haben. Wo ist Groot, wen man ihn braucht? Wenn die Mitte fehlt, hilft halt auch all der Bombast drumherum nicht recht.

Caspar Shaller schrieb in der ZEIT: Es ist die teuerste Schöpfung der französischen Filmgeschichte, eine bombastische space opera, getrieben von europäischen Hoffnungen auf eine von Hollywood unabhängige Filmindustrie, die in der Lage ist, Blockbuster auf den Markt zu bringen. Drei Jahre hat Besson am Konzept gearbeitet, 18 Monate am Storyboard gewerkelt, zwei Jahre beim Schnitt verbracht. Die Finanzmittel trieb er beim Festival von Cannes auf, wo er mit Drehbuch und Skizzen hausieren ging. 80 Millionen Euro kamen an einem Tag zusammen. Weil er den Blockbuster wie einen Indie-Film finanziert habe, so Besson, habe ihm niemand reingeschwatzt oder genörgelt, wenn er zu sehr auf den Putz gehauen habe. Das ist das Problem: Niemand hat ihm zärtlich über den Kopf gestreichelt, in sanftem, aber bestimmtem Ton gesagt: "Nein, Luc, das reicht", und ihm das Silbertablett mit dem Koks weggenommen. 
http://www.zeit.de/2017/30/valerian-luc-besson-film-kritik 

Wiki informiert uns, dass Valeriana eine Pflanzengattung aus der Unterfamilie der Baldriangewächse sind. Mich hat der Film ermüdet.

Samstag, 22. Juli 2017

Eine richtige Kneipe

Ich liebe Cafes, esse gern in guten Restaurants, aber manchmal muß es eine Kneipe sein.

Eine Kneipe ist ein öffentlich zugänglicher Raum, in dem sehr viel Bier, hochprozentiger Alkohol, aber auch Getränke ganz ohne Alkohol verkauft und getrunken werden. Manchmal bieten sie auch ein beschränktes Speiseangebot. Die Einrichtung, das Ambiente, ist nicht der Rede wert. Eine Kneipe wird von einem Kneipier betrieben oder, immer noch selten, seinem weiblichen Equivalent. Eine Kneipe ist heutzutage leider nicht mehr leicht zu finden.

Der Pub Carolina in Rostock, ehemals Bresis Pub, ohne Apostroph, ist solch eine Kneipe in der Rostocker Altstadt etwa zwanzig Meter von der hiesigen Schauspielschule entfernt. Was dazu führte, dass Dozenten und Studenten dieser Schule, zumindestends früher, hier oft trinkenderweise anzufinden waren. Ein altes Haus, klassischer Eckeingang (Eckkneipe), Neonschild, kurze Treppe mit festem Geländer für kinetisch verunsicherte Heimwärtsstolperer. Drinnen erst eine längliche Strecke mit Barhockern am Tresen und hinten nach links abbiegend, jedoch ohne wirkliche Abtrennung, ein etwas intimerer Raum. Wenig Deko, Bierwerbung, mehr Bierwerbung. Der ehemalige Wirt war rundlich, charmant und rotgesichtig, der neue Wirt trägt Pferdeschwanz und ist ebenfalls charmant. Es darf hier geraucht werden, nein, es soll geraucht werden. Vor mir steht immerhin ein Zweiliter Aschenbecher.
Die Gäste des heutigen Freitagabends sind zehn Männer und, außer mir, eine weitere Frau meines Alters. Wir teilen uns in eine größere heitere Gruppe, zwei ernste Trinker am äußeren linken Tresenrand, einen einzelner Koreaner, der knietief in sein Samsung-Phone versunken wie nebenbei sein Budweiser schluckt und mich.
Die Männer trinken bis auf einen einzelnen Gin/Tonic Individualisten, Halblitergläser Bier. Wie passt nur so viel Flüssigkeit in einen Körper?
Ich bestelle eine Bockwurst, Sprudelwasser und 'nen doppelten Jim Beam. Die Wurst ist knackig, der Senf scharf, das Graubrot angeröstet.

 
Es folgt eine filmreife Szene: Eine wunderschöne junge Frau kommt herein, steuert zielsicher auf den jüngeren des ernsthaft diskutierenden Männerpaares zu. Zweimal, "Du kommst heute nicht nach Hause, versteht Du?" Man stelle sich diesen und die folgenden Sätze gesprochen, nicht geschrien, mit dunkler Stimme und wunderbarem russischen Akzent vor. Sie gießt langsam sein eben frisch serviertes Bier über ihn. "Du kommst heute nicht nach Hause, die Tür ist verschlossen!" Sie gibt ihm eine Ohrfeige, ein unerwartet lautes Klatschen, sie schlägt heftig auf ihn ein, wirft zwei Aschenbecher ziellos in den Raum, beendet den Angriff mit einem sachlich nachgestzten "Arschloch!" und geht. Er reagiert nicht, gar nicht, nimmt hin. Geschockt? Gelähmt? Um Würde bemüht? Nachdem sie gegangen ist, folgt seine Kurzinfo: "Das war meine russische Frau." Der bezopfte Wirt wischt das verschüttete Bier weg, die beiden Männer reden ernsthaft weiter, nun über Frauen, aber im Allgemeinen. Die anderen Gäste hatten kurz innegehalten, gelacht, und dann weiter getrunken.

Sonntag, 16. Juli 2017

Ach, ich rauche so gerne.

Siehst du die Gräber dort im Tal?
Das waren die Raucher von Reval.
Und siehst du die Gräber an anderen Orten?
Das waren die Raucher von anderen Sorten.
Und siehst du die Gräber dort in der Ferne?
Das waren welche, die rauchten so gerne.
Volksmund


Rauchen schadet meiner Gesundheit. Schreibe eintausend mal: Rauchen schadet meiner Gesundheit. Rauchen schadet meiner Gesundheit. Rauchen schadet meiner Gesundheit. 
Stimmt. Aber. Stimmt. Aber. Stimmt. Aber.
Ich habe eine sehr schlaue und wunderbar gradlinige Freundin. Rumeiern gilt bei ihr nicht, Dinge werden benannt und nicht verschleiert. Meine Freundin raucht. Sie hat ein ernstes Problem mit ihrer Lunge. Nichtrauchen wäre nötig. Und meine kluge, scharfsichtige Freundin, haspelt, verfällt in Kindchenstimme, argumentiert wie ein grenzdebiler Teenager, weiß, wie blöd das ist und kann doch nicht anders. Alle Tricks aus jedem Buch, Hypnose, Akupunktur, Elektroersatzzigaretten wurden ausprobiert und funktionierten und dann funktionierten sie nicht mehr.
Andere haben es geschafft. Respekt.
Völlig wahnsinnigerweise versuchen neuerdings sogar Staat und Zigarettenindustrie mich vom Rauchen, an dem sie gut verdienen, abzuhalten. Photographien auf jeder Schachtel, irgendwo zwischen abtörnendem Ekel und melancholischer Tauer. Geschwüre, Zahnstummel, Eiter, depressive Impotenz und die trauernden Hinterbliebenen verstorbener Kettenraucher zieren meine Gaulouise Schachteln. Infamer verlogener Mist.

Die Einnahmen durch die Tabaksteuer betrugen im Jahr 2014 14,3 Milliarden Euro. 1970 waren es noch 6,5 Milliarden Euro. Damit ist die Tabaksteuer nach der Energiesteuer (früher: Mineralölsteuer) die ertragreichste Verbrauchsteuer. ...
Während das Gesundheitsministerium die Tabaksteuer als sogenannte Lenkungssteuer sieht, die eine Senkung des Tabakkonsums bewirken soll, hat das Finanzministerium ein Interesse an möglichst hohen Steuereinnahmen zur Deckung des Staatshaushalts.(Wiki)
 
Ich war jetzt fünf Wochen kränklich, zum ersten Mal in meinem Leben, höchst irritierend.
Ein Infekt. Blah. In den letzten Wochen verabschiedete sich meine Stimme. Zehn Tage Schweigen und Nichtrauchen folgten. Sogar Proben mußte ich absagen, das gab es noch nie! Das war nicht schön, gar nicht schön, aber irgendwie aushaltbar. 
Nun bin ich auf dem Weg der Besserung und rauche wieder. Warum?
WHAT THE FUCK!
Auf Schokolade verzichten? Kein Problem. Auf Alkohol? Nicht wirklich schwer. Aber aufs Rauchen? 
Ich habe eine Verabredung mit mir getroffen, nicht mehr nebenbei zu rauchen. Wenn ich rauche, dann tue ich nichts weiter als dies, rauchen. Der Versuch eine Sucht in einen Genuß zurückzuverwandeln.
Ich weiß, für Nichtraucher muß das vollkommen lächerlich klingen.



Freitag, 14. Juli 2017

Stumm. Meine Stimme, Mimi und ich.

Die Stimmlippen, auch: Stimmfalten, sind paarige schwingungsfähige Strukturen im Kehlkopf. Sie sind ein wesentlicher Teil des stimmbildenden Apparates des Kehlkopfes, bestehend aus der von Epithel überzogenen Stimmfalte, dem eigentlichen Stimmband, dem Musculus vocalis und den Aryknorpeln jeweils beider Seiten. Die Stimmlippen werden beidseits bei der Stimmgebung durch Anblasen aus dem Brustkorb in Schwingungen versetzt und bilden so den Primärschall der Stimme.


Meine Mutter hat mir erzählt, dass wir gemeinsam, als ich zwei Jahre alt war, meine zauberhafte Nenn-Tante Sloma in einem Westberliner Delikatessladen in dem sie damals arbeitete, besuchen gingen. 1960, also noch vor dem Mauerbau, man bin ich alt!  
Eine laute, dunkle, heisere Stimme brüllte: "Loma!", die Kunden wendeten sich der Quelle des wüsten Schreis zu und ihr Blick fiel auf mich, klein, blond, süß.

Am Telefon wurde ich später des öfteren als Herr Schall identifiziert und einige Regisseure drängten mich, meine Töne eine Oktave nach oben zu quetschen. Blond, Unschuld, Opfer - hohe Stimme. WTF?

Mein Vater spielte über 500 Mal den Arturo Ui und brüllte sich vor den Vorstellungen fachgerecht ein. Ich schrie dilettantisch mit und bekam die ersten Knötchen auf den Stimmbändern. Die gingen wieder weg, kamen nach zehn Jahre wieder & wurden operiert. Ohne Narkose, nur Vereisungsspray in den Hals, selbst die Zunge festhalten und Professor Doktor Wendler, ein ganz wunderbarer Arzt, schnitt mit einer ganz kleinen Schere, die an der Spitze eines langen Metallinstrumentes angebracht war, das kleine Gewächs weg. Ein Test-Ton direkt danach - war noch Zukunft, oder nicht mehr? Dann sechs Wochen Schweigen. Danach war alles, was mich umgab mit geschriebenen Worten vollgeschmiert. Selbst die Raufasertapete. 

Am Rande: versucht mal ohne zu sprechen, ein Buch zu kaufen. Der Verkäufer antwortet sehr laut, sehr langsam und sehr deutlich. Keine Stimme, kein Gehör, kein Hirn?

Jahre später verfiel ich auf den Plan, entgegen meiner eigenen festen Erwartung, nun doch Schauspielerin werden zu wollen. Der Stimmtest amüsierte meinen Phoneater, wiederum Professor Dr. Wendler, etwas zu sehr.
Aber ich war fleißig, Sprecherziehung, Atemübungen, Ausdauertraining. Herr Aderholt, der, mit dem französischen Regisseur, der ein tschechisches Stück mit einer Eifersuchtsszene inszeniert, war mein Sprecherzieher, für mich der ganz falsche. Er sagte, ich solle mich auf einen Tisch legen und meine Mauern fallen lassen. Ich bin anstattdessen mit starken Halsschmerzen nach Hause gegangen. 
Und fand dann, durch den Rat einer Freundin, Mimi. 
Mimi, deren Nachname mir leider ums Verrecken nicht einfallen will. Sie war einst Chorsängerin an der Komischen Oper und hatte viel mit Felsenstein gearbeitet, den sie sehr bewunderte. Sie liebte Stimmen, konnte verdruckste, gestemmte, verkrampfte Töne aber körperlich nicht ertragen, also nahm sie ihre Liebe und machte Deine/meine Stimme ihrer würdig. 
Erinnerungen: unzählige Zeitungsausschnitte mit anatomischen Darstellungen von Kehlköpfen, eine winzige Küche, ihre Passion, ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe, so dass ich oft fast rückwärts aus dem Küchenfenster hing. 
Aber meine empfindliches/empfindsames Organ wuchs und gedieh und wurde stärker, widerstandsfähiger. Und hat seitdem viel geleistet, viel mitgemacht und tapfer durchgehalten, trotz meiner dummen Raucherei und meiner Neigung zur Asozialität. 
Im Allgemeinen ähnelt mein physisches Naturell dem eines Ackergaules, stabil, ausdauernd und kräftig. Wenn ich allerdings Stress habe, oder Kummer, dann sind es immer meine Stimmlippen, die zuerst reagieren. Meine Schwachstelle und meine Sensibilität vereint.
Ich mag meine Stimme, sie ist zweistimmig, dunkel mit hellen Untertönen. Nicht kratzig oder derb, eher gut gebraucht. Zwar nicht herrlich verderbt, wie die von Sophie Rois, aber auch nicht harmlos. Kein Piepsstimmchen, auch nicht wunderbar süffig, nicht schön im klassischen Sinn, keine klassisch zarte Mädchenstimme, aber mittlerweile die einer erwachsenen Frau. Sie ist halt meine Stimme, die, mit der ich streiten kann und zustimmen, laut denken und leise vermuten. Sie läßt mich teilnehmen am Leben, aktiv und widerborstig und ganz ich selbst.
Apropos: ich liebe Gesang, kann aber leider nicht gut singen, auch weil meine Physis hohe Töne, obwohl als Sopran eingestuft, nur widerwillig produziert. Schade, schade. 
Vor 15 Jahren dann nochmal Ödeme, nachdem ich in einer neuen Stelle am Volkstheater in Rostock ein Jahr durchgearbeitet hatte und nachlässig geworden war, noch eine Op, diesmal unter Vollnarkose,
Und jetzt, 2017, mitten im Sommer mein persönlicher Supergau. Ein Virusinfekt. Geschlagene vier Wochen lang! Für mich, die ich nie krank bin, eine völlig unbekannte Katastrophe. Husten, noch mehr Husten und dann, als ich grad dachte, es geht wieder, schlich sich der Scheißinfekt auf meine Stimmbänder und legte mich still.
Allein sein und stumm. Wie merkwürdig. Man lebt im eigenen Kopf und hat Angst, dass man da für immer bleiben muß, allein im eigenen Kopf. Kein guter Ort. Ich bin gern mit Anderen, brauche Widerspruch, ich will, muß mich mitteilen, auseinandrsetzen. 
Heute Abend habe ich sie, meine Stimme, nach acht Tagen völliger Stilllegung wieder gehört, noch etwas angerauht, noch nicht in voller Kraft, aber wiedererkennbar, hörbar, meine Stimme.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Shakshouka - mhmmmmm!

In Hamburg passierte, was jeder erwarten konnte und erwartet hat und jetzt schmeißen alle wild mit diffusen Namen um sich und fordern Taten oder verteidigen Unverteidigbares oder schenken Polizisten Schokolade oder bereuen ihre Selfies.
Schwarzer Block, Linke Autonome, Links-Radikale, Links-Extremisten, Links-Terroristen, Terror-Touristen, Anarchisten alles dasselbe. Nur nicht denken, lieber aufregen, verurteilen, reagieren, verbieten. Nur nicht Widersprüche sehen müssen, Schattierungen, wo schwarz-weiß doch so tumb und handlich ist.
Warum gibt es Dialektik nicht als Schulfach? Darum.
Deshalb heute ein Blog zum Kochen, handfest, nährend, beruhigend.

Shakshouka

Ich habe mir neulich auf Rat einer Bekannten ein Kochbuch gekauft: "Jerusalem" von Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi. Und jetzt sitze ich am Computer, mein Mund ist geschmacksverzückt und ich verdaue und bin etwas froh.

Aus einem Artikel in DER ZEIT: Ottolenghi jobbte in Londoner Restaurantküchen, spezialisierte sich zunächst auf Patisserie – und lernte eines Tages den Palästinenser Sami Tamimi kennen, ebenfalls Koch und wie er in Jerusalem aufgewachsen – wenngleich im muslimischen Ostjerusalem. ...Die beiden gründeten 2002 das erste Ottolenghi-Deli, sind seither Geschäftspartner und Co-Autoren und führen zwei Restaurants. In Jerusalem, Kochbuch und Stadtporträt gleichermaßen, hat jeder der beiden seinen Wurzeln im Nahen Osten nachgespürt und das Beste aus der arabisch-jüdisch-polnisch-italienisch-deutsch-christlich-jüdisch-muslimisch geprägten Küche des Einwandererlandes Israel zusammengetragen.

Also heute zum Frühstück gab es bei mir Shakshouka, dass heißt auf arabisch شكشوكة, auf hebräisch שקשוקה und ist eine Spezialität der nordafrikanischen und jüdischen Küche und lächerlich einfach und unfassbar wohlschmeckend und wohl auch ziemlich gesund.

Für meine verfressene Person benötige ich: eine rote Paprika kleingewürfelt, 2 Eßlöffel Tomatenmark, zwei Knoblauchzehen gehäckselt, Salz, Pfeffer, eine Prise Kreuzkümmel, einen Teelöffel Harissa, in Pulverform würzt es auch gut & hält länger! Ich habe noch einen Klacks Akazienhonig drunter gerührt.

Diese Zutaten in Olivenöl bei kleiner Hitze etwa 5 Minuten anbraten, bis eine dunkelrote Paste brutzelt, die intensiv nach Sommer riecht und nach Basar?

Dann zwei dicke überbrühte Tomaten dazufügen & nochmals zehn Minuten köcheln lassen, bis es eine dicke, zähflüssige Masse bildet. Dann zwei Vertiefungen eindrücken, in jede ein Ei geben, das Eiweiß mit dem Tomatenpaprikapamps leicht verrühren und dabei versuchen, das Eigelb in der Mitte unverletzt zu lassen. Schmeckt aber auch, wenn das nicht klappt.



Mit Pitabrot oder Baguette oder was immer man an Brot mag, in meinem Fall ein Steinofenbrötchen von Butter-Lindner, zum Tunken! Petersilie drüber, wenn's beliebt.
Es gezunterheyt!

Sonntag, 2. Juli 2017

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

 
Heute mittag bekam ich von einem Polizisten, auf meine Frage, warum die Rosa-Luxemburg-Strasse denn gesperrt sei, die Antwort: "Der Adjutant der Volksbühne hat seinen letzten Tag, da machen die ein Fest." Die Sperrung begann um 6 Uhr früh für eine Party, die um 20.30 Uhr beginnen sollte.
 
Die Volksbühne schmeißt also ein Abschiedsfest und das Berliner Wetter kommentiert. Sommernovember. Es pisst aus Kannen. Was wetterunverwöhnte preußische Fans nicht daran hinderte, in Massen zu erscheinen. Das "OST" wurde bereits weggekrant, das Räuberrad ging auf Tour, noch eine letzte Vorstellung von "Baumeister Solness", eine Rede von Lederer, eine von Frank, die zynisch begann und verzweifelt endete, und nun ist Schluß. Komisch.
 
Im Gebäude meiner Oberschule, der Zweiten Erweiterten Oberschule, dem Grauen Kloster, ist heute die Staatliche Wirtschaftsfachschule für Hotellerie und Gastronomie am Hausvogteiplatz.
 
Mein Kinder-Lieblingskino Camera, verstaubte zunächst im Tacheles und ist nun Teil eine finanziellen Verschiebe-Transaktion, die ich nicht mal im Ansatz durchschauen kann.
 
Mein Heimat-Theater, das Deutsche ist mir heute so fremd wie jedwedes andere Schauspielhaus.
 
Die Wohnung meiner Oma ist ein Museum.
 
Da, wo ich als Kind meine Wochenenden verbrachte, wohnt jetzt ein reicher Westberliner Anwalt.
 
 Meine Lebensverortungen verändern sich bis zur Unkenntlichkeit. Ich bleibe.
C’est la vie - So ist das Leben.
Trotzdem komisch. 
 
Ja. Und ich habe heute geweint.
 
 Castorf, Hübchen & Wuttke sind traurig - Ich bedanke mich für das Photo bei Burkhardt Ritter





Samstag, 1. Juli 2017

ALS ADAM HAT GESÜNDIGT

Das mir höchst dubiose, feuchte Toilettenpapier von Hakle behauptet, es sei perfekt für unsere deutschen Ärsche, Deutschländer-Würstchen empfehlen sich als besonders national verdaulich, Blen-Da-Med läßt Deutschlands Zähne wieder richtig zubeißen und die Deutsche Bank führt einen "Zinsdialog" mit uns.
(Wir nehmen euch gnadenlos aus, aber reden vorher noch nett darüber.)

Werbung allüberall.

Dreist und dumm oder kalt und gewieft. Werbung greift uns an, greift in uns ein, auch wenn wir es nicht wollen.
Überteuerte Autos fahren durch grandiose Landschaften, übelst glückliche Familien essen am Wochenende gemeinsam irgendeinen links- oder rechtsdrehenen Jogurth (Mit der Ehe für Alle, werden das gerechterweise nun auch homosexuelle Pärchen erleben dürfen.) Zauberhafte Kinder flippen beglückt aus, wenn sie mäßig schmeckende Schokoladeneier, die mieses Plastespielzeug enthalten, geschenkt bekommen. Vorgeschnitzelte Kräuter aus Tüten ersetzen echte Frische, Miracolipampe gewöhnliche Tomatensauce, Gemüse flutscht ausgelaugt aus Blechdosen. Der nächste Film ist toller als der letzte. Butter ist keine Butter, aber genausogut, Wurst ist fleischfrei, schmeckt aber nicht so. Wäsche 6 Zähne werden weißer, Haut jünger & glatter. Duft macht sexy. Febreze tötet Geruch.
Manchmal sind wir glücklich, manchmal verzweifelt, die beworbenenen Dinge werden daran nichts ändern. Aber die Gaukelei ist sprägend und manchmal stärker als wir.

Baby Boomer, Generation X, Generationen Y & Z, Millenials und all wir anderen, wer weiß schon noch, wer er ist, hecheln eifrig, künstlich erzeugten Bedürfnissen hinterher, das Portomonnaie im Anschlag, das Hirn betäubt.

Werbetexter verdienen Geld, Dichter oft nicht, also haben einige Dichter für Geld Werbetexte geschrieben.

Zum Beispiel Joachim Ringelnatz

Hast du einmal viel Leid und Kreuz
Dann trinke Geldermann und Deutz
Und ist dir wieder besser dann
Dann trinke Deutz und Geldermann


oder Frank Wedekind

Vater, mein Vater! Ich werde nicht Soldat
dieweil man bei der Infantrie nicht Maggi-Suppen hat!
Söhnchen, mein Söhnchen! Kommst du erst zu den Truppen
so isst man dort auch längst nur Maggi's Fleischkonservensuppen.


oder Bertolt Brecht für Speyr, eine Autofirma

Ein Auto, in dem man überlebt.

Kathreiner Malzkaffee hat es sogar in ein Volkslied geschafft:


ALS ADAM HAT GESÜNDIGT

Als Adam hat gesündigt
da sprach der Liebe Gott,
am ersten wird gekündigt
am zweiten seid ihr fort.

Ja, uns geht´s gut, wir haben keine Sorgen
uns geht´s gut, wir denken nicht an morgen
uns geht´s gut, wir trinken Abends Tee
und wenn wir morgens früh aufstehen,
Kathreiner Malzkaffee.

Adam schiebt den großen Möbelwagen
Eva muß das Nachtkonsölchen tragen
Kain der trägt die alte Gipsfigur
und das kleine Abelchen die Nachttopfgarnitur

Ja, uns geht´s gut, wir haben keine Sorgen...

Töff töff töff, da kommen sie gefahren
die einst Gottes Untermieter waren
töff töff töff, wo wollen sie denn hin?
sie wollen nach Jerusalem, in 'ne Mietskaserne ziehn

Ja, uns geht´s gut, wir haben keine Sorgen...

Adam ging zum Arbeitsamt zum Stempeln
Eva wird Verkäuferin im Tempel
Kain der geht ins Priesterseminar
und das kleine Abelchen wird Studienreferendar

Ja, uns geht´s gut, wir haben keine Sorgen...

Kain der nahm das klitzekleine Keulchen
damit schlug er Abel eins auf`s Mäulchen
da sprach Gott der hoch am Himmel stand
ja, wenn ihr jetzt nicht artig seid, bewerf ich euch mit Sand

Ja, uns geht´s gut, wir haben keine Sorgen...


Werbung Für Kathreiner Malzkaffee - "Uns geht's gut"




Oder ein Variant aus dem Liederbuch Ruhr

Adam schiebt den großen Möbelwagen
Eva muß das Nachtkonsölchen tragen
Kain der trug die grosse Nippfigur
und das kleine Abelchen die Lokusgarnitur

Ja, uns geht´s gut, wir haben keine Sorgen
uns geht´s gut, wir brauchen nichts zu borgen
uns geht´s gut, wir trinken Abends Tee
und wenn wir morgens früh aufstehen,
dann tut uns gar nichts weh

Töff töff töff, da kommen sie gefahren
Töff töff töff, im Untermieterwagen
töff töff töff, wo wollen die denn hin?
sie wollen nach Jerusalem zur Mietskaserne rin

Adam geht ins Arbeitsamt zum Stempeln
Eva wird Verkäuferin bei Hämpeln
Kain der muß nun bald zum Militär
und das kleine Abelchen rennt immer hinterher

Da nahm Kain sein klitzekleines Keulchen
schlug dem Abel eins damit auf`s Mäulchen
sprach der liebe Gott vom Himmelsrand
wenn ihr jetzt nicht artig seid, dann werf ich euch mit Sand


Noten zum Lied