Donnerstag, 19. April 2018

Ein sonnenbeschienener Nachmittag mit Erinnerungen

Irgendwann, letztes Jahr, bei einem Besuches des Dorotheenstädtischen Friedhofs, bemerkte ich mit leichtem Schrecken, wieviele der Bewohner dieses Ortes ich einst persönlich kannte. Mein erster Intendant, viele Kollegen, Bekannte und geliebte Verwandte. 

Heute nachmittag ein frühsommerliches Treffen mit alten Kolleginen. Nicht etwa die Frauen sind alt, es ist nur schon länger her, dass wir Kolleginnen waren. Kuchen und Kaffee und Champagner und Sonne auf einer herrlichen Terasse und gutes Schwatzen über Gott und die Welt. 
Doch es entstand ein scheinbar unvermeidlicher Rhythmus: Zuerst was jetzt passiert. Neue Arbeit, neue Abenteuer. Wer letztlich gestorben ist. Einige. Wer wie krank ist. Zu viele. Wem es gut geht. Ja, die gibt es auch. Dies unterschnitten von begeisterten Lese- und Filmtipps.
Eine Freundin beschrieb es so, die gebrauchten Worte haben sich unmerklich verändert, vom jungen Unbestimmten -  irgendwann, jetzt noch nicht, aber vielleicht später, zum älter gewordenen Gewußten - jetzt bald, nicht mehr, hoffentlich noch, vorbei.  
Das ist nicht schlimm, nur schlau. 
Was wir jetzt nicht tun, werden wir bald nicht mehr tun können. Fakt. 
Als ich meine jetzige Wohnung, man ist die schön, gesucht habe, wußte ich, nur mit Fahrstuhl oder im ersten Stock geht, wenn ich da lang bleiben will. Ich bin immerhin Raucher.
Aber ich habe heute auch wieder erfahren, wie viele bemerkenswerte Menschen ich kennenlernen durfte. Und, Gott, an den ich nicht glaube, sei Dank, sind einige von ihnen noch herrlich munter und gesund.
Eine von uns wird zunehmend erfolgreich als Autorin, eine unternimmt Segeltörns der unfassbaren Art und lebt überhaupt ein überraschendes und ganz und gar selbstbestimmtes Leben, eine ist ein Knotenpunkt für den Informationsfluß zwischen unzählig anderen, älteren Kunstinteressierten, eine ist noch genauso wach und zart und fein, wie sie es immer war. Ich bin auch noch ganz munter. 
Ältere Frauen sind cool. 
Außer, wenn sie, wie ich gestern, beim Konzert einer jungen Band Platzangst kriegen und unverrichteter Dinge vorzeitig gehen müssen. Allerdings mußte ich auch im September 1989 beim Bob Dylan Konzert in Berlin aus demselben Grund gehen, noch bevor der von mir verehrte Bob die Bühne betrat, und damals war ich erst 31.
Ich bin also noch genauso uncool wie vor dreißig Jahren. 

Sonntag, 15. April 2018

Volksseele - Nachtrag

Parallel zu einem geradezu unverschämt schönen sonnigen Sonntag, verbracht mit der Lieblingsnichte und Eiscreme, dann mit einer Freundin und einem überraschendguten Tatort, habe ich auf Facebook verschiedene Diskussionen über das Ende der Intendanz Chris Dercons verfolgt.

Ich habe viel gelernt, über mich und meinesgleichen. Denn der miese Dreckskerl, der Herrn Dercon Scheiße vor sein Büro gelegt hat und ich, sind meinesgleichen. Und Herr Kuttner und ich sind es. Und andere Leute, die aus unterschiedlichsten Beweggründen mit Dercons Arbeit Probleme hatten und dies sehr unterschiedlich äußerten, sind meinesgleichen. Wir alle sind meinesgleichen. Berliner halt. Igitt.

Aber jetzt weiß ich, dass ich geirrt habe. Mein Problem war nicht die Arbeit, die Dercon geleistet oder nicht geleistet hat. Oder die Idiotie Berliner Politiker, die vorschnelle Entscheidungen trafen. Mein Problem lag in mir. 
Was ich heute gelernt habe:
(Zutreffendes bitte ankreuzen, es können auch mehrer Punkte sein.)
- Ich leide an meinem deutschen, leider auch vorwiegend ostdeutschen Neid    und an meinen Komplexen was Internationalität betrifft,
- ich habe miefig und inzestiös meine Privilegien verteidigt.
- Ich habe, typisch für Berlin, Unfreundlichkeit zur Schau gestellt und mich mit Hass geschmückt. 
(Fuck this city. Fuck hate. This is not a community I support.)
- Ich bin Mitglied der Theaterpegida.   
- Ich gehorche altlinken Dogmen.
- Ich bin ein wohlgenährter Staatsschauspieler.
- Ich gehöre zum Anhängermob des Diktators Castorf.
- Ich habe mich als Mob hat durchgesetzt!
- Ich war auf einem ideologischen Feldzug.
- Ich bin Teil des völkischen Mobs.
- Ich will unter allen Umständen meine pseudolinke Berliner Kachelofenidylle bewahren.
- Ich bin nicht besser als die Populisten von rechts. 

Und ich bin xenophob. Nein, nicht weil ich Belgier hasse, sondern weil ich altes Theater bewahren will und deshalb, das macht Sinn, alles ablehne, was davon abweicht. Denn die Möglichkeiten, die die Verbindung von Theater und bildender Kunst bieten, übersteigt meinen kleingeistigen Horizont. LePage, Ivo van Hove, Mnouchkine, Voges, Vegard Vinge und Ida Müller, Jonathan Meese alle zu viel für mein kleines Hirn. Fast dreißig Jahre nach dem Mauerfall hänge ich immer noch in meinem DDRischen Kleingeist fest. 

Ich bin geläutert. Hätte ich ihn sich doch bloß mal ausprobieren lassen, bald wäre alles gut geworden. Nein, nicht gut, großartig, denn er ist gebildeter als ich, charmanter, empathischer, ein Grandseigneur. Wie konnte ich! Kein Wunder, dass er keine gute Arbeit leisten konnte, bei so viel provinzieller piefiger Ablehnung.

Eine kleine miese Bemerkung zum Abschluß, der alte, fiese, doofe Castorf, hat es geschafft, trotz der fürsorglichen Aufmerksamkeit, die ihm die Staatsorgane der DDR und die Staatssicherheit gewidmet haben, tolles Theater zu machen. Mir fallen noch andere Beispiele für unfreundliche Umstände ein, unter denen Kunst geschaffen wurde.

Ich liebe die kluge und ausgewogene Streitkultur, die wir, alle für das Theater brennend, hier bewiesen haben. 

Foto: dpa/Jörg Carstensen
  

Freitag, 13. April 2018

Chris Dercon oder die Volksseele

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz war immer ein schwierig zu bespielendes Theater. Seit ich sie besuche, circa 1975, hatte sie goldene und übelst blecherne Zeiten, beides auch unter der Intendanz von Castorf. 

Heute ist Chris Dercon von seiner Intendanz zurückgetreten und auf Facebook empören sich Mitmenschen über das gemeine, provinzielle Berlin, dass ihm sein Amt so schwer, gar unmöglich gemacht hat.

Fakten gefällig? 

Ein inkompetenter Kultursenator, Tim Renner, Musikproduzent und Journalist, fand es passend, einen erfolgreichen Kunstkurator als Nachfolger des von ihm gekündigten Frank Castorf einzusetzen. Ein Berliner Bürgermeister namens Müller ließ ihn gewähren.

Teile der Berliner Szene revoltierten. Manche, weil sie meinten, Frank hätte bleiben sollen bis er selber aufhören wollte. Nicht meine Meinung. Andere, weil die Herausnahme des Rosa-Luxemburg-Platzes aus dem Theaternamen sie ärgerte. Da bin ich dabei. Manche von beiden Gruppen und andere, weil sie den vorgelegten Spielplan unüberraschend und altbacken fanden. Ich stimme zu. 

Ein neuer Kultursenator, Herr Lederer, war mit der Lage unzufrieden, aber sah sheinbar keine Möglichkeit für eine produktive Intervention.

Der Kurator tat, was er konnte, er kuratierte. Und er gab Interviews, bei denen sein Imageberater wahrscheinlich unter Magenkrämpfen kollabierte. "Berlin ist zu laut" und "Berlin Mitte ist öde". Es ist ein Teil ders Jobs eines Intendanten sein Haus in einer Stadt zu platzieren. Es ist seine Aufgabe zu erreichen, dass man dahin gehen will. Sicher waren viele a priori gegen ihn und einige schossen dabei weit übers Ziel hinaus, in Wort und Tat. Aber, man, das hätte er ja auch zur coolsten Werbekampagne aller Zeiten verarbeiten können, oder?

Proteste fanden statt. Manche rührend, manche ungelenk, andere blöd. Die ersten Premieren fanden statt. Die Premieren waren ziemlich erfolglos. Die Zuschauerzahlen sanken. 

Dercon schwieg zwischen seinen ungelenken Interviews und wurde dabei immer feinsinniger und seine rechte Hand, Frau Piepenbrock schwurbelte Dramaturgisches.

Fakten. Jemand, der nichts von Theater versteht, hat versucht, ein Theater zu leiten und ist damit gescheitert. Sein Scheitern ist für Berlin recht teuer.

Berlin ist provinziell, Berlin ist unfein, Berlin gefällt sich im Hass, Berlin ist out. All das habe ich heute gelesen.

Aber Fakt ist auch: Chris Dercon war ein schlechter Intendant.

Donnerstag, 12. April 2018

2018/19 - wieder was Neues

"Der Nackte Wahnsinn" hatte Premiere und ich habe bis November keine festen Jobs. Und habe es so geplant. Ein halbes Jahr Zeit fürs Schreiben, Lesen, Denken, Leben, Faulsein, Kochen.  
Luxus! 
Eine Art Premiere. Freizeit war in meinem Leben immer rar und sogar irgendwie irritierend, denn wenn man, wie ich, das Glück hat, mit einem Beruf zu leben, der einem meist Vergnügen bereitet und dem alle "Hobbies" zuarbeiten, wird man schnell frustriert, wenn inhaltslose Zeit ansteht. Versteht mich nicht falsch, Liebe, Freundschaft und das ganze irre Leben gab und gibt es immer auch. Aber es war parallel stets irgendwas Berufliches am Kochen oder Köcheln.

Aber nun bin ich älter und nähere mich rasant dem, was meine Jugend als Rentenalter bezeichnete.

Der DDR-Rentner. Grauweiße Haare, oder aubergine-lila dauergewellt.
Die Schuhe bequem und plump, die Kleidung in asexualisierendem Breige, wetterfest und formunschön. Sie wirkten geschrumpft. Ihr Gang schien vorsichtiger, die Augen blasser. Ihr Kaffee war dünner gebraut und wurde zum Tortenstück am Nachmittag getrunken. Mochten sie Torte? Oder haben sie sie nur aus Pflichtgefühl gegessen? "Wenn man alt ist, ißt man Torte." Im Osten auch noch mit Margarine-, anstatt Buttercreme.

Haben wir, als wir jung waren überhaupt einen Gedanken daran verschwendet, wie diese Alten leben? Höchstens wenn man einen älteren Menschen persönlich kannte. Der/Die war die Ausnahme. Die anderen, so vermuteten wir, führten Leben ohne all die herrlichen Aufregungen und die großen Gefühle, die wir selbst durchlitten. Kein Sex, kein Drama, keinerlei Spaß. Ich vermute junge Leute sind halt zeitübergreifend gedankenlose Arschlöcher, was das betrfft. 
Ach ja. Und irgendwann starben sie, die Alten.

 Harald Hauswald

(Meine Mutter hatte bis zum Schluß wundervoll langes silbergraues Haar. Nur etwas schütter. Der zarte Schimmer ihrer blassen Kopfhaut hat mich tief gerührt.)

 Harld Hauswald "Mandy ist doof"

Nun werde ich, auch wenn ich äußerlich noch anders erscheine, zu einer von ihnen und sehne mich nach "me-time", verdeutscht, nach Zeit für mich. Nach Zeit zum Nachdenken, zum Genießen, zum Zögern, zum, es folgt ein großes Wort, zum Innehalten

Die 60 scheinen noch passabel
und erst die 70 miserabel.
Mit 70 aber hofft man still:
"Ich schaff' die 80, so Gott will."

Wer dann die 80 biblisch überlebt,
zielsicher auf die 90 strebt.
Dort angelangt, sucht er geschwind
nach Freunden, die noch älter sind.

Doch hat die Mitte 90 man erreicht
- die Jahre, wo einen nichts mehr wundert -,
denkt man mitunter: "Na - vielleicht
schaffst du mit Gottes Hilfe auch die 100!"

Wilhelm Busch

INNEHALTEN: zaudern, halten, stoppen, aufhören, warten, unterbrechen, offenlassen, einlegen, zagen, haltmachen, stehenbleiben, bedenken, stocken, pausieren, einhalten, abwarten, einstellen, besinnen, zögern, rasten, schwanken, verweilen, abbrechen, aussetzen 

Nach dieser Auszeit wird ein Jahr voller Arbeit folgen. 

Franz Hohler
Ansprache zum Solothurner Literaturpreis 2013
(12.5.2013)

Täuschst du dich
oder zittert manchmal
die Hand ein bisschen
wenn du den Suppenlöffel hältst?
Bist du das wirklich
von dem das Strassenverkehrsamt
ein ärztliches Zeugnis verlangt
du seiest noch fähig
ein Auto zu lenken?
Kann das sein
dass die
Kirchgemeinde dich einlädt
zur Seniorenweihnacht
mit schöner Klaviermusik
und gemütlichem Zvieri?
Und der Tanzanlass
für ältere Paare
dienstags von 15 bis 16.30 Uhr
ist der für dich?
Ist nicht
ein Ausdruck von Mitleid
im Blick des jungen Verkäufers
der dir erklärt
dein Mobiltelefon
sei nicht mehr zu reparieren?
Müsstest du sparsamer werden
mit dem Gebrauch eines Wortes wie
„früher“?
Warum fällt es dir
immer noch schwer
deine Handy-Nummer zu lernen
(Die Nummer des Elternhauses
weisst du noch jetzt)?
Wie war schon wieder
der Titel des Films
in dem ein Planet
die Erde bedroht?
Und die Schauspielerin
die den Jungen beschützte
wie hiess sie doch gleich?
Hast du genügend Sätze
für ein Gespräch
mit jemandem
dessen Namen
dir nicht in den Sinn kommen will?
Merkst du das Lauernde
beim Zusammensein mit alten Bekannten
sobald die Rede
auf die Gesundheit kommt
auf Knie, Hüften, Gelenke
und ihre Ersetzbarkeit?
Was haben die Medikamente
auf deinem Frühstückstisch
verloren?
Warum feiern so wenig Freunde
den vierzigsten
und immer mehr
ihren sechzigsten, siebzigsten, achzigsten?
Und wieso
will der dunkle Anzug
im Kleiderschrank
nicht mehr nach hinten rücken?
Morgens vor sechs
schon wach zu sein
dafür einzunicken
bei Büchner, Brecht
oder Shakespeare
ist das normal?
Ist es möglich
dass die Tage
etwas geschrumpft sind
in letzter Zeit?
Wird die Sparlampe
die du im WC einschraubst
Brenndauer 10’000 Stunden
länger halten als du?
Und all die Petitionen
und Initiativen
Für eine sichere
Keine, Nein zu, Stop dem, Schluss mit
und Ausstieg aus -
was gehen dich Zeiten an
die du kaum mehr erleben wirst?
Warum aber
trifft dich der Blick deiner
frisch geborenen Enkelin
mitten ins Herz
und lädt dich auf
mit Zuversicht
Zukunft
und Lebenssucht?

Mittwoch, 11. April 2018

Stuttgart - Theaterausflug

Ich finde für Theater sollte, in einem so reichen Land, wie dem unseren, viel Geld ausgegeben werden. Und es sollte dieses Geld gut gebrauchen, um Überraschendes zu leisten, uns zu unterhalten, zu verstören, zu stören. 
Unser Land unterhält sein einzigartige Stadttheatersystem, fast jede auch nur halbgroße Stadt hat noch ein eigenes Theater mit Ensemble, Werkstätten und Repertoirebetrieb. Es gibt sogar den Versuch, dieses System zum Weltkulturerbe zu erklären. 
Allerdings weiß ich nicht, ob ich das gut fände, könnte es doch als Musealisierung verstanden werden. In Stein gegossen und angestaunt, anstatt lebendig und veränderbar. 
Denn genau da liegen auch die gewaltigen Probleme vieler Theater, besonders der kleineren. Die großen Schlachtschiffe sind gut ausgestattet, können sich vielerlei Experimente leisten und die notwendige Öffentlichkeitsarbeit finanzieren. Aber manche der Stadt- und Landestheater balancieren zunehmend wakelig am finanziellen Abgrund entlang, die Kosten für Bürokratie, sprich Apparat können sie nicht reduzieren, also erwischt es Gagen, Gasthonorare, Bühnenbilder, Werbung. Und dann wird oft auch der Spielplan ängstlicher, öder. 
Nun war ich drei Tage hintereinander bei einem der Giganten zu Gast. "Das Staatstheater Stuttgart ist mit 1300 Mitarbeitern und einem jährlichen Budget von knapp 100 Millionen Euro der größte Dreispartenbetrieb Europas, also vermutlich der Welt."
https://www.berliner-zeitung.de/kultur/staatstheater-stuttgart-armin-petras-das-katastrophenkarussell-3288580 
Das Staatstheater Stuttgart ist mit 1300 Mitarbeitern und einem jährlichen Budget von knapp 100 Millionen Euro der größte Dreispartenbetrieb Europas, also vermutlich auch der Welt. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/3288580 ©2018
Das Staatstheater Stuttgart ist mit 1300 Mitarbeitern und einem jährlichen Budget von knapp 100 Millionen Euro der größte Dreispartenbetrieb Europas, also vermutlich auch der Welt. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/3288580 ©2018
Das Staatstheater Stuttgart ist mit 1300 Mitarbeitern und einem jährlichen Budget von knapp 100 Millionen Euro der größte Dreispartenbetrieb Europas, also vermutlich auch der Welt. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/3288580 ©2018

 
Erster Abend Kay Voges "Das Erste Evangelium", Mattheus und Paulus und ein wenig Johannes und Heiner Müller, Oscar Wilde, Benjamin....
Faszinierende Überfülle, Videokunst in Perfektion, innerhalb dieser wilden Bilderwelt ein paar großartige Schauspieler und einige, die wie Bühnenbildteile in oft wechselnder Verkleidung Verwendung finden. Durch Geburt und Blut und Gewalt waten wir atemlos durch das Leben des erhofften Erlösers und dann gab es plötzlich ein großes Stocken: denn der, der uns auffordert unsere Wange für jedermanns Backpfeifen hinzuhalten und unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst, der sagte eben auch: "So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein."
Leider geht es dann nicht weiter, die Bilder gewinnen. Aber was für Bilder! Da kämpft einer mit seiner Ministratenkindheit mit allen Mitteln, die er erlernt hat, und wird ihrer nicht Herr, aber es ist eine glanzvolle Niederlage.

Foto: JU

Abend Nummer zwei war "Arsen und Spitzenhäubchen" von Kesselring, einer meiner Lieblingsfilme basiert auf diesem Stück. Cary Grant und der vierfache Doubletake, die höchste Kunst der Komödie. Ein perfekter bürgerlicher Haushalt erweist sich als Hort psychopathischen Massenmordes. Eine tolle Vorgabe. Nur muß man die Behauptung der Normalität erst einmal aufstellen, damit man sie nackt machen kann. Wenn ich aber ab Minute eins schon weiß, dass hier alle irre sind, muß ich nicht 140 Minuten zugucken, um das bestätigt zu bekommen. 
Warum inszenieren Menschen Stücke, die sie nicht wirklich mögen? Geldnot würde ich noch akzeptieren, aber oft ist es wohl doch nur Hochmut oder Desinteresse.
Jan Bosse läßt seine Spieler machen, wozu sie gerade Lust haben. Und es wird sehr deutlich, dass nicht jedem die Gabe der Improvisation gegeben ist. Manchmal war ich mir nicht einmal mehr sicher, ob sie überhaupt noch spielen. Die Anarchie der Marx-Brothers basiert auf Können und präziser Planung, das Chaos an diesem Abend auf der Eitelkeit einiger Spieler. Clown sein ist ein rares Talent.
Und am dritten Abend "Lulu" ein Vaudeville-Spektakel der Tiger Lillies inszeniert von Armin Petras. Wäre der Regisseur ein Mitzwanziger gewesen, wäre ich sicher milder. Rote Farbe, nackte Körper, Matsch, ja, ja. Die Spieler sind großartig, uneitel, musikalisch. Was für eine körperliche und stimmliche Überanstrengung. Aber wozu genau? Frau ist anders. Frau ist was genau? Sind wir #metoo? Sind wir?


Freitag, 6. April 2018

Der Raub der Prosperina - Marmornes Fleisch

Eine männliche Hand greift um die Taille und in den Schenkel einer Frau. Scheinbar nur ein Detail. 

 
Bedenken wir, das ist Stein, Marmor, von einem Zwanzigjährigen behauen, bearbeitet oder befreite er das, was der steinerne Block bis dahin verbarg? 
Hartes und Weichestes in einem unauflösbaren Widerspruch. Der metamorphe Stein, beziehungsweise die Haut und das Fleisch der überwältigten Frau empfinden den Druck der zupackenden, großen, doch wohlgepflegten Hand, sie weichen zurück, seitwärts.
Wiki sagt: Die Haut (gr. derma; lat. cutis) ist funktionell das vielseitigste Organ des menschlichen oder tierischen Organismus. Die Haut dient der Abgrenzung von Innen und Außen (Hüllorgan), dem Schutz vor Umwelteinflüssen, der Repräsentation, Kommunikation und Wahrung des inneren Gleichgewichts. Außerdem übernimmt die Haut wichtige Funktionen im Bereich des Stoffwechsels und der Immunologie und verfügt über vielfältige Anpassungsmechanismen.
Aber auch wenn der Titel der Skulptur: "Der Raub oder die Vergewaltigung der Prosperina", eindeutig Gewalt suggeriert, ist auch Zärtlichkeit und Sehnsucht sichtbar und zu spüren. Die Hände sind nicht in den Körper gekrampft, scheinen nicht, unnötigen Schmerz zufügen zu wollen. Er trägt sie von dannen. 
Ganz unten spiegelt Cerberus, der Höllenhund, den Gewaltakt und seine Ambivalenz sogar dreifach.
Im Mythos hören wir mehr über die Trauer ihrer Mutter Ceres, als über ihre eigene Not. Demeter & Persephone wären die griechischen Entsprechungen dieser Geschichte. 
Später wird diese Prosperina, durch den Einsatz ihrer Mutter, der Göttin der Fruchtbarkeit, ein halbes Jahr in der versteckten Unterwelt und das andere auf der Erde zubringen. Eine große Weile ist die Welt kalt, grau, unfruchtbar, aber dann ...
In der Gesamtansicht wirkt ihre Abwehr merkwürdig theatralisch. Hat sie sich nur für die Mutter gewehrt? Persephone wird im alten Griechenland sowohl als Frühlings- und Fruchtbarkeitsgöttin wie auch als Göttin der Unterwelt verehrt.
Will sie etwas, das sie nicht will? Mit Pluto sein und die Liebe der Mutter nicht verlieren? Luft, laue Winde und sprießende Pflanzen UND die harsche Kargheit der blütenlosen Kälte?  
Und so hängen wir wohl alle zwischen einander ausschließenden Wünschen, begehren das Eine und auch das ihm Widersprechende.

 
Persephone

Die Abgründige kam,
stieg aus der Erde,
aufgleißend im Mondlicht.
Sie trug die alte Scherbe im Haar,
die Hüfte an die Nacht gelehnt.

Kein Opferrauch, das Universum
zog in den Duft der Rose ein.
 
Peter Huchel

Ein tiefflutender See ist Hennas Mauren benachbart,
Pergus mit Namen genannt. Nicht häufiger höret Kaystros
Schwanengesäng', als dieser, in sanft hingleitenden Wassern.
Ringsher kränzen die Flut Umwaldungen, welche beständig,
Wie mit laubigem Teppich, die Glut abwehren des Phöbus.
Kühlung streut das Gezweig', und die Au' hellschimmernde Blumen.
Frühling ist ewig im Hain. Als hier Proserpina weiland
Spielete, sanfte Violen und silberne Lilien brechend;
Als sie mit kindlicher aLust sich die Körb' und den Schoß des Gewandes
Anfüllt', und zu besiegen die Freundinnen eifert' im Sammeln,
Wurde zugleich sie gesehn und geliebt und geraubet von Pluto.
Also durchstürmt ihn die Flamme! Sie rief, die erschrockene Göttin,
Mutter und Freundinnen an, doch häufiger rief sie die Mutter,
Bang'; und indem das Gewand sie zerriß am obersten Rande,
Sanken aus gleitenden Rocke hinab die gesammelten Blumen:
Und, so lauter noch war die jugendlich heitere Unschuld!
Auch der Blumen Verlust erregete Kummer dem Mägdlein.
Pluto beflügelt die Fahrt, und jeglichen rufend mit Namen,
Treibt er die Rosse zum Lauf, und über die mähnigen Hälse
Schüttelt er dunkele Zügel, mit Eisenschwärze gefärbet.
Über des Sees Abgrund' enteilet er, ...


Ovid "Metamorphosen"


http://syndrome-de-stendhal.blogspot.de/2016/05/gottliche-gewalt-gianlorenzos-berninis.html

Sonntag, 25. März 2018

Terra Incognita in Cottbus

Menschen in schwarzen Uniformen, den Kopf und die Hälfte des Gesichts verdeckt, ISIS-Assoziationen kommen auf, trommeln sich eine Viertelstunde hochpräzise in Ekstase, dann ertönt die Schlußrede aus dem "Großen Diktator" *, gefühlvolle Musik wird eingespielt, die Trommler legen ihre Kopfverhüllungen ab, treten langsam an die Rampe, schauen uns an, legen die Arme um die Schulter ihres Nachbarn, manche umarmen sich.
So endete der heutige Theaterabend in Cottbus. Terra Inkognita - Choreographisches Figurentheater von Jo Fabian.
Ist es mein durch schwierige Osterfahrungen geprägtes Mißtrauen gegenüber gutgemeinten moralischen Utopien, das mich zurückschrecken ließ? Ich habe unwillkürlich geprustet, hysterisches Gurgeln würde es auch beschreiben. Bin ich pessimistisch, gar zynisch oder ist solch ein Aufruf doch allzu harmlos und simpel für die Welt, in der wir alle leben?
Meine erste Begenung mit Jo Fabian hatte ich vor vielen Jahren in Dresden. Ein kleines Theater, ein toller Abend. Alle Spieler auf der leeren Bühne hatten zierliche Melkschemmel umgeschnallt, was ihre Wechsel vom Stehen zum Sitzen und vice versa großartig überraschend machte. Ich erinnere mich an den Eindruck einer neuen Erfahrung von Komposition von Klängen und Bewegungen.  Jahre später "Die Weber" in Halle. Hypnotisch, gedehnt, Bilder von exotischer Schönheit. 
Heute abend wußte ich vieles vorher, Zitate überwogen - Marthalers Musikalität, Trommelnummern, ehemals waghalsige Impro-Übungen der östlichen Schauspielausbildung. 

 
"Haben wir Menschen unseren Blick zu lange nach außen gerichtet, die Blicke auf die unbekannten Gebiete in uns selbst vernachlässigt und zu wenig über uns selbst erfahren?"
Jo Fabian zu "Terra Icognita
 
Was ist dieses INNEN?

Frau Piekenbrock (Volksbühne) benennt es so: Besagte Irritation führt... sie... darauf zurück, dass die geladenen Künstler ihre Zuschauer "ins Jenseitige" einladen: jenseits des Verstandes, des Hörbaren, des Sehbaren."
Denken soll ich nicht. Hören und Sehen auch nicht?
Ich will denken dürfen! Sehen und Hören und Widersprüche ertragen.

Bei "Murx den Europäer! / Murx ihn! / Murx ihn! Murx ihn! / Murx ihn ab!" war ich fast brüskiert, wie gut ein Schweizer meine schreckliche, öde DDR beschrieb.

Irgendwas geht am Theater vor, dass mich ängstigt. Innenschau anstatt Irritation. Privatismen ersetzen Gesellschaftskritik. 

Im Teil 2 des heutigen Abends trafen sich Klischees der deutschen Innenschau, der Jude, der Pfarrer, die hysterische Frau, der islamistische Fremde, der Arbeiter etc. aufeinander. Der Jude jiddelte eher schlecht als recht.

Der 16. Januar 1993. Vor zehn Jahren hatte an der Volksbühne dieses Unding Premiere, ein Findling des Berliner, des deutschsprachigen, ja des Welt-Theaters: „Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!“ So hieß das. Den Regisseur Christoph Marthaler kannten damals erst wenige, und noch viel weniger bekannt (und tief vergessen) war der Namensgeber Paul Scheerbart, der 1915 in Berlin gestorbene literarische Fantast und Schwerenöter, aus dessen „Indianerlied“ dieser endlose schöne Theater-Titel stammt. Heute Abend findet nun die 169. Vorstellung in nahezu unveränderter Originalbesetzung statt – und „Murx“ ist lange schon ein kultisches Ereignis, wie vielleicht nur Heiner Müllers unaufhaltsamer „Arturo Ui“ am Berliner Ensemble. Wie auch Frank Castorfs Volksbühne als Gesamtkunstwerk: enigmatisch, praktisch, unersetzlich.
https://www.youtube.com/watch?v=thCMlPYe2I0 

*Jeder Mensch sollte dem Anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt! Wir sollten am Glück des Anderen teilhaben und nicht einander verabscheuen. Hass und Verachtung bringen uns niemals näher! Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden und Mutter Erde ist reich genug, um jeden von uns satt zu machen.
Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein, wir müssen es nur wieder zu leben lernen! Die Habgier hat das Gute im Menschen verschüttet und Missgunst hat die Seelen vergiftet und uns im Paradeschritt zu Verderb und Blutschuld geführt. Wir haben die Geschwindigkeit entwickelt, aber innerlich sind wir stehen geblieben. Wir lassen Maschinen für uns arbeiten, und sie denken auch für uns. Die Klugheit hat uns hochmütig werden lassen und unser Wissen kalt und hart, wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig, aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann die Maschinen! Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und Güte! Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert!
Aeroplane und Radio haben uns einander näher gebracht, diese Erfindungen haben eine Brücke geschlagen von Mensch zu Mensch, sie erfordern eine umfassende Brüderlichkeit, damit wir alle eins werden. Millionen Menschen auf der Welt können im Augenblick meine Stimme hören, Millionen verzweifelte Menschen, Opfer eines Systems, das es sich zur Aufgabe gemacht hat Unschuldige zu quälen und in Ketten zu legen. Allen denen, die mich jetzt hören, rufe ich zu: Ihr dürft nicht verzagen! Auch das bittere Leid, das über uns gekommen ist, ist vergänglich! Die Männer, die heute die Menschlichkeit mit Füßen treten, werden nicht immer da sein, ihre Grausamkeit stirbt mit ihnen und auch ihr Hass! Die Freiheit, die sie den Menschen genommen haben, wird ihnen dann zurückgegeben werden. Auch wenn es Blut und Tränen kostet, für die Freiheit ist kein Opfer zu groß!

Charlie Chaplins Schlußrede im "Großen Diktator"

Freitag, 23. März 2018

Exotische Berliner Dörfer

Ich bin Berliner. Mit Leib und Kopf und Seele. 
Natürlich spreche ich auf der Bühne Hochdeutsch, doch dem rigorosen Rat einer älteren, bewunderten Kollegin, mein Berlinerisch gänzlich auszumerzen, konnte und wollte ich nie folgen. Der raue Dialekt meiner Heimatstadt liegt mir gut im Mund und entspricht meiner Haltung zur Welt, unsentimental, direkt, manchmal auch unhöflich. 

In den letzten Tagen habe ich Orte in Berlin besucht, an denen ich vorher noch nie war. 

Jeder Berliner Kiez ist ein Dorf, das der Einwohner nur verläßt, wenn zwingende Umstände vorliegen. In Rudow bin ich nie wissentlich gewesen, auch nicht in Frohnau, Wilhelmsstadt oder Blankenfelde. Durch andere Ortsteile bin ich nur durchgefahren. Blankenburg und Rosenthal kenne ich nur, weil Kindheitsfreunde dort in Kleingartenanlagen Datschen hatten. 
Aber sonst. Warum soll ich dahin, wenn keiner da wohnt, kein Theater oder Kino lockt oder ein besonderes Restaurant? 
Auf die Heerstrasse brachte mich die Terminzwangslage der Berliner Ämter, vorher gab es die nur als Abfahrt auf der Stadtautobahn. Mitte ist mein Intimfreund, im Prenzlauer Berg und in Lichtenberg und Friedrichshain habe ich viele Jahre gewohnt. Aber Weißensee? Da fahre ich durch, wie auch durch Hellersdorf und Marzahn, wenn ich Richtung Strausberg reise. 
Aber nun suchte ich jemanden der alte Schirme repariert. Und wahrlich es gibt nur noch EINEN solchen Handwerker in der Stadt. Gesucht habe ich ihn in Neu-Kölln im Afrikanischen Viertel, wo die Straßennamen einem unsere widerliche Kolonialvergangenheit laut ins Gesicht brüllen. Aber von da war er weggezogen nach Steglitz. In eine niedliche kleine Straße mit einem tollen Gewürz-Laden. Sein Laden war ganz klein, ganz ungeschmückt, Schirme allüberall, und meine, von meiner Mutter geerbten, Teile nannte er mit sanfter Stimme von allerfeinster Art. Und in der Kantstrasse in Charlottenburg reparieren sie alte Feuerzeuge. Und in einer Seitenstrasse der Schönhauser Allee flicken zwei mittelalte Vietnamesinen zerrissene Kleidung. Irgendwie war ich also  unterwegs, um Altes nicht wegschmeissen zu müssen. Aber den uralten Kürschner auf der Kantstraße gibt es nicht mehr und der Buchladen vor dem S-Bahnhof Hackescher Markt ist einem Steak-House gewichen. Vielleicht bin ich doch sentimental.

Zum Abschluß Bratkartoffeln bei ROGACKI in der Wilmersdorfer. Mehr Berlin geht nicht. Wenn auch in edelteuer. Blutwurst und Erbsensuppe neben Schnecken und Austern, alle stehen, alle fressen.
  
Ich bin Berliner. Die Stadt ist toll. Weil sie, wie alle wahrhaften Großstädte, immer wieder Überraschungen bietet. Es gibt in ihr unzählige Welten, nebeneinander existierend. Junge Leute kennen Clubs, von denen ich noch nie gehört habe und über die ich auch nichts wissen muß. Alte Berliner gehen zu ihrem bevorzugten Tanztee. Manche Strassen sind grottenhäßlich und andere nicht. Alles das existiert gleichzeitig und tut sich nicht weh. Wenn man von schwäbischen und anderen Zugezogenen absieht, die auf idiotische Sperrstunden und Lärmschutzregelungen bestehen. Der gemeine Berliner schläft nämlich bei jeder Lautstärke.


Hier habe ich gewohnt von 1962 bis 1975
Die steinerne Bank an der Monbijoubrücke ist mein schönster Ort in Berlin. Keine Currywurst ist besser, als die von Konoppke, im Tiergarten kann man Boot fahren, im Saal hinter der Nofretete steht eine schönere Nofretete oder ist es doch Echnaton? Mein Kinder-Berlin ist weg. Aber meine alte Stadt lebt und es geht ihr gut. Trotz Chris Dercon, trotz Gentrifikation und schnellsterbenden Startup-Läden. 
Aber was mir Sorgen macht, das Haus mir gegenüber wird für zwei Jahre generalsaniert. Edeka und DM kommen vielleicht wieder. Aber wird sich das Seniorenheim dann die neue, und sicher viel höhere Miete noch leisten können? Ich mochte die Idee, dass man, wenn man alt ist und nicht mehr fähig allein zurecht zu kommen, doch in der Mitte der Stadt bleibt, draußen aber nicht ausgeschlossen.

Mittwoch, 21. März 2018

Über Leben in Demmin

http://www.demmin-film.de/ 

Warum sind wir wie wir sind? Unbelehrbar, immer wieder den gleichen Dreck wiederholend? Wir werden schuldig, nehmen dann aber die zu erwartende Strafe übel. Hassen den Strafenden. Reden unseren Anteil an der Schuld klein oder verleugnen ihn gänzlich. Der FEIND wird zum Monster. Das Monster in uns wird schön geredet.

http://www.sueddeutsche.de/politik/massenselbstmord-rasierklingen-revolver-zyankali-der-strick-1.2416333

Bitte zuerst den Artikel lesen! 

Demmin, eine übliche Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern in Nazi-Deutschland 1945. Der Krieg ist fast vorbei. Alle Brücken wurden gesprengt, die Stadt ist umgeben von drei Flüssen, Peene, Trebel und Tollense. Kurzzeitig eine Insel. Die Russen drängen voran. Schauermärchen vermischen sich im Kopf der Demminer Bürger mit den wahrlich schrecklichen Realitäten. Die Stadt brennt. Waren es die zurückgelassenen Zwangsarbeiter einer naheliegenden Fabrik oder waren es rachelüsterne Rotarmisten? Niemand weiß es. Ich stelle mir vor wie nichteinmal Zwanzigjährige, sich zu Fuß durch ihr verbranntes Land zurückkämpfende russische Soldaten endlich auf den FEIND treffen, da war wenig Mitgefühl zu erwarten. Die imaginierten Schrecklichkeiten in den Köpfen der deutschen Kleinbürger müssen grauenvoll gewesen sein.
Mütter banden sich mit Gürteln und Stricken ihre Kinder um den Leib und ertränkten sich. Manche zogen das Erhängen vor. Andere Gift und ungeschickte Versuche sich die Pulsader aufzuschlitzen.
Zu DDR-Zeiten wurde nicht darüber gesprochen.
Heute marschiert die NPD an jedem 8. Mai zum Gedenken an die deutschen Opfer mit einem Trauermarsch durch die Stadt.

Zwischen dem 30. April und dem 3. Mai nehmen sich mindestens 700 Menschen das Leben. Andere Schätzungen, exakte Zahlen gibt es wegen fehlender Totenscheine nicht, gehen von 1.000 Demminer Selbstmorden aus.

http://www.deutschlandfunk.de/koerbe-voller-zyankali-der-groesste-selbstmord-der.700.de.html?dram:article_id=316610 

"Nach dem Verlöschen von Führer und Reich fürchteten sie, in der Leere zu versinken. Das Nichts wurde fühlbar. Die Horrorgeschichten über die Rote Armee hatten eine Atmosphäre der Furcht verbreitet, dass nach ihrem Sieg die Alliierten das deutsche Volk auslöschen würden. Bestenfalls stand ein Leben in Unterdrückung bevor. Dazu kam der kollektive Sinnverlust jener, die die Werte des Nationalsozialismus zwölf Jahre lang verinnerlicht hatten. Die moralischen, gesellschaftlichen und quasireligiösen Normen, die die Volksgemeinschaft ausgemacht hatten, brachen zusammen."

Florian Huber: "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945."

Über Leben in Demmin
Dokumentarfilm von Martin Farkas, Kamera Roman Schauerte, Zweite Kamera Martin Langner/ Martin Farkas, Ton Moritz Springer und Urs Krüger, Komposition Mathis Nitschke, Montage Jörg Hauschild/Catrin Vogt
eine Koproduktion mit dem rbb (Jens Stubenrauch), NDR (Barbara Denz), BR (Petra Felber und Fatima Abdollyan)
gefördert vom Medienboard Berlin Brandenburg, der BKM, Nordmedia, Filmbüro MV und dem Nipkow- Programm
Produktionskoordination Lisa Elstermann
Herstellungsleitung Heike Günther
Produktion Annekatrin Hendel
Buch und Regie Martin Farkas

IT WORKS! Medien GmbH   

Montag, 19. März 2018

The Shape of Water - ET hat Kiemen und Sex


Der Amphibienmensch, ein sowjetischer Spielfilm aus dem Jahre 1962, lief oft vormittags im Ostfernsehen. Alle zwei Wochen hatten wir Mittwochs erst um 12 Unterricht und entweder habe ich mir den herrlich wütenden Wehner im Bundestag reingezogen oder was immer eben an Filmen lief. Den Amphibienmenschen sicher fünf Mal. Ich hab den geliebt. 

Science Fiction überhaupt, Buch oder Film, nur keine Zukunftskriegsgeschichten.
Asimov, Herbert, Philipp K. Dick, Lem; die ersten drei Star Wars Filme, ET, Starman, Alien, Unheimliche Begegnungen der Dritten Art, Matrix Teil 1 und und und.

Heute Abend nun der oscarprämierte The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers (Hä?!?) von Guillermo del Toro - er hat von allen diesen Filmen etwas und Zitate aus den Spionagethrillern aus der Zeit des Kalten Krieges und den Musicals der 30er und ein bisschen Amelie und die großen Augen des Reptiliden sind wie die von ET und ein kleines zartes Mädchen, anstatt des kleinen Jungen rettet ihn; und alles ist vorhersehbar, und entweder Zitat oder Allegorie, ein Fünfsterne General poetisiert sinnlos vor sich hin, die Spione haben lyrische Losungsworte, am Ende kommt zu allem Überfluß noch ein Liebesgedicht. Nichts davon kann verbergen, dass es sich um eine ganz gewöhnliche Kitsch-Romanze handelt, die zugegebenermaßen sehr gut photographiert wurde.
Ohne eine gewisse Unschuld funktioniert Science-Fiction für mich nicht. Del Toro hat alles richtig gemacht und ich soll ihn dafür bewundern. Will ich nicht. Mochte ich nicht.