Montag, 22. August 2016

Abhauen - Damals als DDR-Bürger noch Flüchtende waren

Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.
Victor Klemperer LTI

"Der ist abgehauen." In der DDR ein bleischwerwiegender Satz, endgültiger war nur: er ist auf der Flucht erschossen worden, also tot, oder erwischt worden, also auf unbestimmte Zeit in einem ostdeutschen Gefängnis eingesperrt.
Ein Besuch in der Gedenkstätte Hohenschönhausen ist übrigens sehr zu empfehlen, wenn man eine Vorstellung von den Zuständen in solchen Institutionen bekommen will.
Eine Freundin hat dann neulich gesagt, dass das Wort "abhauen" so einen komisch negativen Beigeschmack hat, es schließt 'jemanden verlassen' ein, Rücksichtslosigkeit. Ist uns Dagebliebenen da etwas unterlaufen? 

Fast jeder von uns hat einmal mit dem Gedanken ans Wegmachen gespielt und unsere Gründe es nicht zu tun, waren vielfältig.
Aber haben wir vielleicht unser schlechtes Gewissen, weil wir blieben, den Neid auf den Mut derer, die geflohen sind, haben wir diese ambivalenten Gefühle, ohne es selbst zu bemerken, in diesem Verb versteckt? Gerade jetzt, wo es in den Medien allüberall so komplizierte Diskussionen über die Macht von Wörtern gibt, zum Beispiel ob man Bei-Uns-Asylsuchende als Flüchtlinge oder Geflüchtete bezeichnen sollte, finde ich so einen Gedanken nicht weit hergeholt.
Wir hätten ja auch sagen können: "Er ist entkommen."

Noch einmal Victor Klemperer diesmal aus einem Aufsatz über sein Buch LTI (Lingua Tertii Imperii): Man zitiert immer wieder TALLEYRANDs Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten (oder eines schlauen und fragwürdigen Menschen überhaupt) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon ist richtig. Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag. Die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein - im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.

 
Victor Klemperer: Die unbewältigte Sprache, Darmstadt 1966 


https://www.amazon.de/Reclam-Bibliothek-Band-278-Klemperer-Philologen/dp/3379001252/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1471898677&sr=8-2&keywords=lti

ABHAUEN

transitiv: etwas abschlagen, abtrennen (starke und schwache Konjugation: hieb/ haute ab und abgehauen/ abgehaut) 

intransitiv: sich entfernen, davonmachen (Präteritum nur schwache Konjugation: haute; Partizip II abgehaut oder abgehauen)

ddrisch: illegal das Hoheitsgebiet der DDR verlassen, um in die BRD umzusiedeln, siehe auch Rübermachen

Aus dem Buch: Schlüsselwörter der Wendezeit

Bezeichnungen im Rahmen des Themas „Das Verlassen der DDR durch DDR-Bürger als eine Massenerscheinung der frühen Wendezeit"

fliehen, flüchten, Flucht, Flüchtling
übersiedeln, Übersiedlung, Übersiedler
ausreisen, Ausreise
(die DDR) verlassen
weggehen, Weggang, weglaufen, wegmachen, wegrennen, wegziehen, Wegzug
abwandern, Abwanderung
Exodus
ausbürgern, Ausbürgerung
(der DDR) den Rücken kehren
in den Westen gehen
auswandern, Auswanderung
ausweisen, Ausweisung
abhauen
Abstimmung mit den Füßen
davonlaufen
türmen
rübergehen, rübermachen
ausreißen, Ausreißer
aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen, Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR
flitzen
Zur Erinnerung ein Bild, das einen der vielen Gründe zeigt, warum man dort wegwollte.

© picture alliance / dpa

Die „Schlüsselwörter der Wendezeit“ (Herberg/Steffens/Tellenbach 1997) wurden in den Jahren 1993-1996 am Institut für Deutsche Sprache mit dem Ziel erarbeitet, den öffentlichen Sprachgebrauch der Wendezeit in der DDR und in der Bundesrepublik konsequent korpusbezogen und textdokumentativ darzustellen. Es handelt sich um ein textorientiertes, d.h. auf der Basis eines definierten Textkorpus des Wendekorpus erarbeitetes Buch, das den öffentlichen Gebrauch ausgewählter Lexeme in einem bestimmten Zeitabschnitt der Wendezeit darstellt, erläutert und dokumentiert. Dennoch ist es kein „Wörterbuch“ im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr ein „Buch über Wörter“.

Sonntag, 21. August 2016

Theater hat auch eine Strichfassung

Zweimal in meinem Leben habe ich Theater gesehen, das länger dauerte als üblich und war glücklich.
Peter Brooks "Mahabarata", acht Stunden in einem Straßenbahndepot in Franfurt/Main nach einem schlaflosen Tag, dargeboten in Französisch, einer Sprache, derer ich nicht mächtig bin, und es war trotzdem zu kurz. Bis zum heutigen Tag sind die Bilder dieses Abends, dieser Nacht in meinem Gedächtnis klar und deutlich, prägend. Abgeschossene Pfeile, die von Mitspielern ins Ziel getragen werden, rote längliche Tuchstreifen als Blutströme. Zelebrierte Gewalt. Heute macht das jeder, oder schon nicht mehr, damals war es erschütternd neu. 
Jan Fabres "Mount Olympos", noch immer begreife ich nur ungenau, was mit mir dort geschehen ist. Es war anders, wahrhaftig, auwühlend. Eine Erschütterung gänzlich unabhängig von Dauer und Ort.



Diese beiden Abende habe ich wirklich gesehen, manch andere genossen, einige ertragen, viele andere durchlitten. Lange, zu lange Abende, obwohl manche nur 'ne Stunde dauerten. "Als ich nach fünf Stunden auf die Uhr schaute, war es fünf nach sieben." schrieb einmal ein Kritiker. Zeit im Theater ist ein verwirrendes Phänomen, sie schrumpft oder sie dehnt sich, gänzlich unabhängig von der realen Zeit. Kurz ist lang. Lang zu kurz.
 
Ältere Stücke sind meist wortreich. Vier oder sechs Stunden Spielzeit sind nicht ungewöhnlich. Zu lang, für mich und meine kurzfristig konzentrierten Mitmenschen.
Das ist das eine. Das andere ist die nötige Qual der Wahl. Was interessiert mich heute, jetzt? Großartige Dramen erzählen viele Geschichten und wenn ich streiche, eleminiere ich manche, vielleicht sogar die wichtigsten. Ich tue dem Werk Gewalt an. Ich unterwerfe es mir. Ungeheuerlich und unverschämt, doch unvermeidlich.
Seit Tagen grüble ich über der "Penthesilea". Kein schöner Stück in dieser Zeit....
Fast 25 000 Wörter, Worte, Phantasmen, Wunder. Vor einigen Jahren habe ich mich schon einmal an diesem Stück versucht, mit einer ganz jungen Schauspielergruppe, ein geliebter und gänzlich erfolgloser Abend. Bei der dritten Vorstellung sagte ich, weil nur acht Zuschauer uns zuschauen wollten, die Vorstellung ab. Eine Stunde später war ich so betrunken, wie nie seitdem.
Diesmal: Sechs Spieler, jeweils drei Männer und Frauen erzählen die Geschichte, Held und Heldin, Ideologe bzw. Ideologin und zwei gänzlich verschiedene Fußsoldaten. Minimalismus zur Verdichtung.
Der wahnwitzige Parteitag der Republikaner, jeder Monolog eine one-man-show & das Photo, das Barack Obama, Hillary Clinton und andre zum Zeitpunkt der Tötung Osama bin Ladens im "Situations Raum" des Weissen Hauses zeigt. Die archaische und gleichzeitig durchdigitalisierte Kriegsführung der ISIS-Kämpfer. Der Die Welt und ihre Kriege sind unüberschaubarer und unverständlicher geworden. Wer haßt wen warum?





© Pete Souza

Was bleibt. Gestern und heute und morgen: Die Liebe ist eine Katastrophe, sie erschüttert den als absolut notwendig erachteten Lauf der Dinge.

Vom giftigsten der Pfeile Amors sei,
Heißt es, ihr jugendliches Herz getroffen.
Von Amors Pfeil getroffen – wann? Und wo?
Die Führerinn des Diameantengürtels?
Die Tochter Mars, der selbst der Busen fehlt,
Das Ziel der giftgefiederten Geschosse?
O sie geht steil bergab den Pfad zum Orkus!
Und nicht dem Gegner, wenn sie auf ihn trifft,
Dem Feind' in ihrem Busen wird sie sinken.
Uns alle reißt sie in den Abgrund hin.

Die Liebe. Ultimative Gefährdung. Sie anerkennt keine Ordnung. Make war, not love.
Das ist kein Stück über Frauen geschrieben aus überlegen wissender Männersicht, sondern ein genderfreies Sehnsuchtsspiel um einen ersehnten, unlebbaren Traum. Dass es möglich wäre unsere ursprüngliche lebendige Natur in Einklang mit der Welt, der Ordnung in der wir leben, mit dem Staat. Einen Gleichklang zu finden, ein lebbares Maß. Nicht mehr fremd zu sein in uns und in der Welt.

Freitag, 19. August 2016

Worüber Heinrich von Kleist womöglich kicherte

Offiziell heißen die kurzen Texte Anekdoten, und wurden zwischen dem  
1. Oktober 1810 und dem 30. März 1811 in den Berliner Abendblättern, die Kleist gemeinsam mit Julius Eduard Hitzig herausbrachte, veröffentlicht. Ich würde sie erzählte böse Witze nennen, obwohl Kleist manchmal merkwürdigerweise gegen Ende noch erklärt, was daran witzig ist.

Marianne Schuler allerdings definiert das Wort Anekdote so, dass die Bezeichnung gänzlich Sinn macht.
Es ist als hätte Kleist das griechische Wort an–ekdota beim Wort genommen, das übersetzt »nicht Herausgegebenes« heißt. Als Bezeichnung für eine Textgattung ist der Terminus »Anekdote« 550 n. Chr. von dem griechischen Geschichtsschreiber Procopius eingesetzt worden: Unter dem Titel »Anekdota« hat Procopius Aufzeichnungen über den (schlechten) Charakter und das (lasterhafte) Leben des Kaisers Justitian und der Kaiserin Theodora versammelt, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten. Die Anekdote bildet danach eine Art Fußnotentext zur offiziellen Geschichtsschreibung. Als Herausgeber einer Tageszeitung gibt Kleist hingegen eine Anekdote heraus, die keineswegs vorenthält, was andern, geheimen, sozusagen polizeilichen Orts aufgezeichnet und gewußt wäre. Vielmehr schreibt Kleist diesen heimlich–unheimlichen Ort als Ab–Grund des Schreibens seiner Anekdote selbst ein. Wie der Anekdote Kleists dieser der Darstellung und dem Wissen unzugängliche Ort eingeschrieben ist, so erscheint die Anekdote innerhalb der Tageszeitung vielleicht als jene wolkige Stelle, die dem feststellenden Polizeibericht wie dem Bericht über die Tagesbegebenheiten ins Wort fällt.

Tagesbegebenheit

Dem Kapitän v. Bürger, vom ehemaligen Regiment Tauentzien, sagte der, auf der neuen Promenade erschlagene Arbeitsmann Brietz: der Baum, unter dem sie beide ständen, wäre auch wohl zu klein für zwei, und er könnte sich wohl unter einen andern stellen. Der Kapitän Bürger, der ein stiller und bescheidener Mann ist, stellte sich wirklich unter einen andern: worauf der &c. Brietz unmittelbar darauf vom Blitz getroffen und getötet ward.


Dieselbe Begebenheit, gänzlich anders beschrieben in der Vossischen Zeitung vom 2. Oktober:

Am 29sten Septbr., Nachmittags um 3 1/2 Uhr, ließ sich bei einem starken Gewitterregen unvermutheth ein einziger starker Donnerschlag über die Stadt hören. Dreißig Schritt von einem Hause, das mit einem Blitzableiter versehen ist, schlug der Wetterstrahl in eine Pappel auf der neuen Promenade, die nach dem Haakschen Markte führt, streifte auf einer Seite des Baumes die Rinde von der Krone bis 3 Fuß von der Erde glatt ab, und erschlug einen Mann, der sie umklammert hielt. Der Unglückliche starb auf der Stelle und hinterläßt eine Witwe und 3 Waisen.
 


Ansicht des Hackischen Marktes mit Blick zu Marienkirche 1780


Mutterliebe

Zu St. Omer im nördlichen Frankreich ereignete sich im Jahr 1803 ein merkwürdiger Vorfall. Daselbst fiel ein er toller Hund, der schon mehrere Menschen beschädigt hatte, über zwei, unter einer Haustür spielende, Kinder her. Eben zerreißt er das jüngste, das sich, unter seinen Klauen, im Blute wälzt; da erscheint, aus einer Nebenstraße, mit einem Eimer Wasser, den sie auf dem Kopf trägt, die Mutter. Diese, während der Hund die Kinder losläßt, und auf sie zuspringt, setzt den Eimer neben sich nieder; und außerstand zu fliehen, entschlossen, das Untier mindestens mit sich zu verderben, umklammert sie, mit Gliedern, gestählt von Wut und Rache, den Hund: sie erdrosselt ihn, und fällt, von grimmigen Bissen zerfleischt, ohnmächtig neben ihm nieder. Die Frau begrub noch ihre Kinder und ward, in wenig Tagen, da sie an der Tollwut starb, selbst zu ihnen ins Grab gelegt.


Charité-Vorfall

Der von einem Kutscher kürzlich übergefahrne Mann, namens Beyer, hat bereits dreimal in seinem Leben ein ähnliches Schicksal gehabt; dergestalt, daß bei der Untersuchung, die der Geheimerat Herr K., in der Charité mit ihm vornahm, die lächerlichsten Mißverständnisse vorfielen. Der Geheimerat, der zuvörderst seine beiden Beine, welche krumm und schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn: ob er an diesen Gliedern verletzt wäre? worauf der Mann jedoch erwiderte: nein! die Beine wären ihm schon vor fünf Jahr, durch einen andern Doktor, abgefahren worden. Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrat zur Seite stand, daß sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch fragte: ob ihn das Rad hier getroffen hätte? antwortete er: nein! das Auge hätte ihm ein Doktor bereits vor vierzehn Jahren ausgefahren. Endlich, zum Erstaunen aller Anwesenden, fand sich, daß ihm die linke Rippenhälfte, in jämmerlicher Verstümmelung, ganz auf den Rücken gedreht war; als aber der Geheimerat ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier beschädigt hätte? antwortete er: nein! die Rippen wären ihm schon vor sieben Jahren durch einen Doktorwagen zusammen gefahren worden. – Bis sich endlich zeigte, daß ihm durch die letztere Überfahrt der linke Ohrknorpel ins Gehörorgan hineingefahren war. – Der Berichterstatter hat den Mann selbst über diesen Vorfall vernommen, und selbst die Todkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen, mußten, über die spaßhafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, lachen. – Übrigens bessert er sich; und falls er sich vor den Doktoren, wenn er auf der Straße geht, in acht nimmt, kann er noch lange leben.


Anekdote


Zwei berühmte englische Boxer, der eine aus Portsmouth gebürtig, der andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren von einander gehört hatten, ohne sich zu sehen, beschlossen, da sie in London zusammentrafen, zur Entscheidung der Frage, wem von ihnen der Siegerruhm gebühre, einen öffentlichen Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im Angesicht des Volks, mit geballten Fäusten, im Garten einer Kneipe, gegeneinander; und als der Plymouther den Portsmouther, in wenig Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, daß er Blut spie, rief dieser, indem er sich den Mund abwischte: brav! – Als aber bald darauf, da sie sich wieder gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit der Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, daß dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der letztere: das ist auch nicht übel –! Worauf das Volk, das im Kreise herumstand, laut aufjauchzte, und, während der Plymouther, der an den Gedärmen verletzt worden war, tot weggetragen ward, dem Portsmouther den Siegsruhm zuerkannte. – Der Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz gestorben sein.

Boxer
Britisch, 18. Jahrhundert
ART BY CHARLES REUBEN RYLEY / ENGRAVED BY J. GROZER



Ich werde nicht weinen!

Das Gedicht konnte ich schon immer auswendig, sicher nicht immer, aber ich kann mich nicht erinnern, es je nicht gekannt zu haben. Es ist knapp, scheinbar einfach und kühl und es ist herzzerreißend, weil es sich nur kurz, ganz am Ende, erlaubt, Schmerz zu zeigen. Jemand, der sich bemüht, nicht zu weinen, rührt mich immer mehr, als der, der frei heraus weint. Der Mund zuckt, die Lippen werden oft zwischen die Zähne geklemmt, die Nasenflügel beben, der Blick weicht nach oben aus. Am schlimmsten ist es, wenn noch ein entschuldigendes Lächeln versucht wird. Herzbruch.

 
DEM BRICHT DAS HERZ ENTZWEI 
Das ist nicht der Titel, sondern die letzte Zeile.

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen Andern erwählt;
Der Andre liebt eine Andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Heinrich Heine
1822
Aus Dem Buch der Lieder
Darin aus dem Lyrische Intermezzo 

Die scheinbar banale Katastrophe, die alte Geschichte, geschieht jetzt, in der Gegenwart.
Der Vers hat einunregelmäßiges Metrum aus Jambus - kurz lang - ◡— und Anapäst - meist zweimal kurz lang - ◡◡. Nur die erste Zeile endet auf eine betonte Endsilbe, ist also klingend oder weiblich. Die Form ist ABCB. In der dritten Strophe ist der Reim krumm, 'neu' auf 'entzwei', das muß Absicht sein. 'Zweimal steht da 'Andre' in der dritten Zeile, doch einmal ein Mann, das andere eine Frau.

Herr Reich-Ranicki, der gelegentlich nervte, aber immer die  deutsche Sprache liebte, schrieb über dieses Gedicht in der Frankfurter Anthologie:

Heine, der Panerotiker, dem man gerne nachsagt, er sei der frivolste deutsche Dichter, war in Wirklichkeit der diskreteste: So wissen wir über die erotischen Erlebnisse, die seinen Versen zugrunde lagen, so gut wie nichts. Zu den wenigen Ausnahmen gehört das Gedicht „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ aus dem „Lyrischen Intermezzo“. Die Sache ist längst geklärt: Der junge Heine liebte seine Hamburger Cousine Amalie, die von ihm nichts wissen wollte, da sie in einen anderen verliebt war; dieser wiederum gab einem anderen Mädchen den Vorzug – weshalb die verärgerte Amalie eiligst einen John Friedländer aus Ostpreußen heiratete. Heine ging leer aus und war, wie man sich denken kann, enttäuscht und verbittert. Er hat sich darüber in Briefen an Freunde mehrfach geäußert – nicht sehr ausführlich, doch unmissverständlich.
Das Gedicht erzählt den Vorgang. Aber die Darstellung ist ungewöhnlich. Denn hier wird nicht beschrieben oder geschildert, hier werden nur Mitteilungen aneinandergereiht, hier wird referiert. Noch knapper und sachlicher geht es nicht: Für eine Affäre, in die immerhin fünf Personen verstrickt waren, braucht Heine nur zwei Strophen mit insgesamt acht kurzen Versen. Das poetische Vokabular, von dem er damals, um 1822, reichlich Gebrauch machte, wird vermieden. Hier finden wir kein Mondlicht, keinen Abendglanz, keine Morgensonne und weder Wald noch Flur, weder liebliche Blumen noch schattige Bäume. Nichts erfahren wir über des Mädchens Äugelein und Wängelein und Händchen klein.
Verwendet werden nur die gebräuchlichsten Worte, die Worte des prosaischen Alltags. Der Autor berichtet kühl und gleichgültig – so auffallend kühl und so betont sachlich, dass man gleich vermutet, er wolle etwas verbergen. Die kurzen Feststellungen ergeben einen Duktus, den man später Telegrammstil nennen wird. Was sie zur Folge haben, dafür hat die deutsche Sprache (ein interessanter Umstand!) kein Wort zur Verfügung. Wir müssen uns mit einem Fremdwort behelfen: Understatement. Das Fazit macht dann ganz deutlich: In den beiden informierenden Strophen haben wir es mit einem schreienden Understatement zu tun.
Diese Geschichte sei alt und banal, doch gleichwohl neu – für jenen nämlich, der sie erleben muß. Denn der Schmerz verdrängt alle anderen Regungen. Und die Tatsache, daß Millionen ähnliches erlitten haben und gleichzeitig erleiden, ist kein Trost. Wen es betrifft, richtiger: trifft, dem (erst jetzt gibt es als Schlußakkord ein poetisches Bild) bricht das Herz entzwei. Den harten männlichen Reimen, die die Ordnung vortäuschen (erwählt – vermählt, Mann – dran), folgt in der dritten Strophe nur ein Halbreim. Wenn ihm aber daran gelegen wäre, dann hätte Heine einen reinen Reim auf „neu“ schon gefunden. Aber hier wollte er den unreinen, eben den Halbreim haben. Das Reimwort, das er wählt – entzwei – klingt wie ein Verzweiflungsruf: Es lehnt sich gegen die Harmonie auf.
Der erste Vers der letzten Strophe ist übrigens ein Selbstzitat: Im Brief an einen Freund, dem er über Amalie schrieb, bezeichnete er sie als „die Klippe, woran mein Verstand gescheitert ist“. Und fügte hinzu: „Es ist eine alte Geschichte.“ Gescheitert? Ja, denn die Liebe „sieht mit dem Gemüt, nicht mit den Augen. Und ihr Gemüt kann nie zum Urteil taugen“. Das stammt von jenem, dessen Werk Heine „das weltliche Evangelium“ nannte: von Shakespeare.
Von den vielen Komponisten, die Heines Lieder vertont haben, gebührt Robert Schumann die Palme. Doch das Gedicht „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ (wohl nur dieses einzige) hat er leider mißverstanden. Das Tempo des Liedes hat er nicht bestimmt, so daß es stets flott und munter gesungen wird – und es läßt sich gar nicht anders singen. Den düsteren, den alarmierenden Hintergrund hören wir sowenig wie den Aufschrei des Liebenden. Die zwischen den Zeilen verborgene Dramatik hat Schumann übersehen. Da hilft auch nicht das Ritardando bei „wem sie just passieret“. Nach den letzten Worten kehrt die Begleitung sofort zum ursprünglichen Zeitmaß zurück, dem raschen, dem heiteren. Schumann hat viele Gedichte Heines noch schöner und noch reicher gemacht, dieses jedoch ärmer. Aber es ist vollkommen – ohne Musik.
 
Spielregeln

Komm wir proben die Posse noch einmal
wir kennen die Rollen zum Glück
gibt es nicht mehr zu sagen
wir spielen das alte Stück

Immer wieder dieselben Schritte
bis hierher und weiter nicht
immer wieder dieselben Blicke
aus einem andern Gesicht

Immer wieder dasselbe Stöhnen
aus einem anderen Mund
jedesmal dasselbe Versinken
in immer anderem Grund
 
Immer wieder dieselben Blumen
am Anfang diesmal für mich
und im Schlussakt frische Tränen
wie immer: diesmal um dich.

Ulla Hahn
1981
Herz über Kopf. Stuttgart dva  

 Mädchen mit Herrenarmbanduhr
Vivian Maier 
ICH WERDE NICHT WEINEN, NICHT VOR EUCH.
 

Dienstag, 16. August 2016

Virgin Mary - Scharfe Tomate

Habe nach Jahren die erfrischende Wirkung einer Virgin Mary wieder für mich entdeckt.
Früher nur als Abwechslung auf Langstreckenflügen, schmeckt mir's jetzt im Sommer auch auf dem Boden.

Tomatensaft, Selleriesalz, Pfeffer, wenn vorhanden Sellerie-Bitter (Celery Bitters), Selleriestängel, Zitrone, Tabasco, Worcester Sauce und Eiswürfel in einem sehr großen Glas nach Geschmack mischen. Wenn man die Mary entjungfern möchte, muß noch Wodka dazu.
Der Bloody Mary-Cocktail gehört, so sagt Wiki, zur Gruppe der "Corpse Reviver", übersetzt: Leichen-Erwecker, höflicher Katergetränk.
Bloody Mary ist auch eine böse Bezeichnung für Mary I. Tudor, die ihr wahrscheinlich von unter ihrer Herrschaft verfolgten Protestanten übergeholfen wurde.

Der Erfinder, ein Herr Petoit, der, wie könnte es anders sein, in Harry's New York Bar als Barkeeper arbeitete und auch Hemingway und F. Scott Fitzgerald mit Bloody Maries versorgte, erählte, dass der Name des Getränkes von einem jungen Kellner stammte, der ein schönes Mädchen namens Mary in einer Chicagoer Bar, die "Bucket of Blood" hieß, gekannt hatte. 
Ursprünglich benötigte eine Bloody Mary halbehalbe Tomatensaft und Wodka, aber später wurde die Alkoholmenge netterweise reduziert.
 
Das ist Petoits Originalrezept:                       4.5 cl Wodka
0.75 cl Zitronensaft
12 cl Tomatensaft
0.25 TL Worcestershiresauce
0.5 TL Tabascosauce
0.25 TL Salz
0.25 TL Pfeffer
 
Alle Zutaten in den Mixing-Becher geben und in einen anderen Mixing-Becher vorsichtig umfüllen. Das ganze mehrfach wiederholen. Zum Schluss in ein gekühltes Stielglas geben und mit einer Limetten- und Zitronenscheibe auf einem kleinen Teller servieren.
 
The Museum of the American Cocktail. Pocket Recipe Guide, Robert Hess & Anistatia Miller, 2. Auflage 2007, Mixellany, Lexington

 
Die Lufthansa hat übrigens eine Studie in Auftrag gegeben, die untersuchen sollte, warum Flugpassagiere so ungewöhnlich häufig um Tomatensaft bitten.
http://www.spiegel.de/reise/aktuell/mysterium-ueber-den-wolken-warum-tomatensaft-im-flugzeug-so-beliebt-ist-a-677249.html

Und dann gibt es noch die urbane Legende über einen Geist, der erscheint, wenn man im Bad vor dem Spiegel mit einer Kerze in der Hand dreimal "Bloody Mary" murmelt. Die Geschichte könnte eine Mischform von Erinnerungen an Mary Worth, eine der Salemer Hexen und Mary Tudor und eine modernen Selbstmörderin namens Mary Worthington und eine von vielen anderen gewalttätig zu Tode Gekommenen mit dem Namen Mary sein. 
Der Geist erscheint im Spiegel, reißt einem die Augen aus oder zerkratzt das Gesicht fürchterlich oder man verschwindet mit ihm im Spiegel.

Mirror, mirror, on the wall
Bloody Mary, hear my call
Bloody Mary, hear your name
Bloody Mary, stupid game
Bloody Mary, stupid dare
Bloody Mary, I don’t scare

Sonntag, 14. August 2016

Toni Erdmann

Ein Spielfilm der Regisseurin und Drehbuchautorin Maren Ade, in dem Peter Simonischek und Sandra Hüller Vater und Tochter spielen. Der Film hatte 2016 im Wettbewerb des 69. Filmfestivals von Cannes Premiere.
Das sind die nackten Fakten. (Ein feiner Reim.) 
Der Rest ist, wieder einmal, meine Verblüffung und Ratlosigkeit, ob meiner mir unverständlichen Verständnislosigkeit. Der Film hat Preise bekommen, enthusiastischste Kritiken und viele Bekannte waren tief betroffen. Blödes Wort, betroffen, als wäre ein Kunstwerk eine Pistolenkugel. Mitten ins Herz. Obwohl sowas gibt es! Ha. Getroffen haben mich Filme schon, ins Herz, in die Magengrube, in tiefste Gehirnsegmente. Bladerunner, Angst Essen Seele auf, Lear von Goddard, RocknRolla, Planet of the Apes - Evolution, der erste Matrix Film, Im Morgengrauen ist es noch still, irgendwann mache ich eine längere Liste.

 Sandra Hüller

Aber als ich letzten Sonntag im Kino "International" saß und hoffnungsfroh auf die große Leinwand starrte, traf mich nix  nirgendwohin. Ich konnte distanziert das technische Können der Filmemacherin bewundern und Sandra Hüller beglückt beim Spielen zuschauen, weil sie so kühl und beherrscht zu sein behauptet, dass man die Explosion geradezu herbeisehnt. Peter Simonischek ist charmant, aber nicht charmant genug. Zwei der Nebenfiguren sind zauberhaft und erinnerbar.

Eine Komödie ist es nicht, denn Pointen werden um jeden Preis vermieden. Ein Drama ist es nicht, denn wenn alle Figuren gleich der Welt entfremdet sind und ihr Kampf dagegen nur so mutlos halbherzig geführt wird, bleibe ich weiter genauso allein und ratlos wie vorher. 
Hier geht niemand das Risiko des falschen, zu großen Gefühls ein, niemand benimmt sich wirklich daneben, es wird nur damit getändelt. Sandra Hüller singt in einer Szene gezwungenermaßen Whitney Houstons "Greatest Love of All", sie ist keine gute Sängerin, aber selbst hier gibt die Regie ihr nicht die Möglichkeit groß zu scheitern. Es bleibt bei der bloßen Behauptung der Peinlichkeit. 

"Dirty Dancing" https://www.youtube.com/watch?v=UlT35Ote09c

Um Gottes willen nur keine Tragödie! Das wäre altbacken. Aber eine Komödie wäre zu angepasst, oder populistisch. Was machen wir anstattdessen? Ein Psychoboulevarddrama? Eine Vermeidung. Keine gefährliche Entscheidung wird getroffen. Und ich glaube, das ist es, was mich so befremdet entläßt. Ein allgemeines Gefühl von Unzufriedenheit und Einsamkeit wird zelebriert, ohne Zorn, ohne Widerstand. Nur mit Wehmutlosigkeit.

Ach, es ist schwierig, zu wissen, was rechtens ist.

Wie Herr Rousseau sagte:  
Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern das er nicht tun muss, was er nicht will.

Ich bin ein Chaot, kämmen ist bewusste Pflicht, die oft vergessen wird. Lippenstift oft. Wimperntusche meist. Welche Teile meines Körpers ich bedecke oder verberge, ist abhängig von meiner jeweiligen ängstlichen oder entspannten Sicht auf mich selbst und, mindestens genauso oft, von meinem Desinteresse an genau dieser Sicht. Obwohl, Kleidung interessiert mich, weil ich dann doch eitel bin, auch in Beziehung auf meinen Körper. Mehr Zeit und Aufmerksamkeit bin ich nicht in der Lage zu opfern. Und niemand verlangt etwas anderes von mir.

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Rebekka blickte auf und sah Isaak. Sie ließ sich vom Kamel herunter und fragte den Knecht: Wer ist der Mann dort, der uns auf dem Feld entgegenkommt? Der Knecht erwiderte: Das ist mein Herr. Da nahm sie den Schleier und verhüllte sich.  
1.  Buch Mose 24, 64f

Vor vielen Jahren zum ersten Mal in Mea Shearim in Jerusalem, einem Viertel in dem fast ausschließlich ultraorthodoxe Juden leben. Es ist heiß. Sehr heiß. Am Eingang zum Viertel metallene Schranken. Wichtig schreitende Männer in schweren schwarzen Mänteln oder Kaftanen und schwarzen Borsalinos oder mit großen pelzumrandeten Hüten, wohl die Kleidung wohlhabender christlicher Polen und Litauer, ihrer vormaligen Unterdrücker, zitierend, laufen vorbei. Frauen mit unkleidsamen Perücken und formlosen langen Kleidern Kinderwägen schiebend und mit vielen weiteren Kindern um sich, gehen langsamer und selbst die Kleinen sind dick verpackt in der brütenden Hitze eines israelischen Sommers. Ein von Juden für Juden selbsterschaffenes Ghetto im Gelobten Land. Ich ostzonal geprägte Jüdin durch Geburt, aus Höflichkeit im langen Rock und weitem T-Shirt, werde beinahe angespuckt, nur weil ich meine Ärmel hochgekrempelt habe. 
Orthodoxe weibliche Gläubige tragen das Tichel, die Haare ganz verbergend oder bis zu zwei Zentimeter des Haaransatzes frei lassend.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15118  


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Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Augen niederschlagen, und ihre Keuschheit bewahren, den Schmuck, den sie tragen, nicht offen zeigen, soweit er nicht normalerweise sichtbar ist, und ihre Tücher über ihre Busen ziehen.
Sure 24/31

Es gibt noch andere Suren zum selben Thema, jedoch verlangt keine die vollständige Unsichtbarmachung der Frau.  

Eine Frau, eine Muslima, mit Kopftuch. Ein Affront für mich und meine säkuläre Weltsicht, für mich als Feministin. (Wie ich das Wort interpretiere, ist ein eigenes Thema.) Für mich, die Menschen- und Bürgerrechte, kritische Vernunft und, gleichermaßen, religiöse Toleranz hoch schätzt.

Aber. Aber, es ist Recht dieser Frau, sich zu verhüllen. Wie es das Recht eines Sikhs ist, seinen Turban zu tragen, der Katholikin, ein Kreuzchen an die Halskette zu hängen. Auch in öffentlichen Ämtern. Sie verpflichten sich dem Grundgesetz, halten die Gesetze des Landes in dem sie leben ein, der Rest ist ihre persönliche Entscheidung, auch wenn sie mir zutiefst mißfällt
  
2 Der Genuß bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte sowie die Zulassung zu öffentlichen Ämtern sind unabhängig von dem religiösen Bekenntnis.
Grundgesetz Artikel 136 WVR 

https://de.wikipedia.org/wiki/Verschleierungsverbot  

http://www.religion-online.info/islam/themen/kopftuch-info.html

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Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen,von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.
Präambel des Grundgesetzes




Warum eigentlich "vor Gott"? Vor welchem Gott? Vor wessen Gott? Ich hab keinen. Aber bis zum heutigen Tag treibt unser Staat die Kirchensteuer für die katholischen und protestantischen Kirchen ein, obwohl wir eine klare Trennung von Staat und Kirche haben. Gilt das eigentlich nur für die christlichen Religionsgemeinschaften? 
Als die DDR aufgehört hatte zu sein, Gott sei Dank, mußte ich aus der katholischen und der evangelischen Kirche austreten, ohne jemals in einer von ihnen Mitglied gewesen zu sein. Aber es wurde von mir verlangt, sonst wäre ich besteuert worden. Ich, eine atheistische Jüdin!

6 Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben.

Grundgesetz Artikel 137 WRV

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Es gibt noch viele Punkte über die nachzudenken wäre.:
Die Beschneidung, bei jüdischen männlichen Babies am achten Tag ist ein Gebot, bei muslimischen Jungs ist sie etwas später üblich
Ist das ok? Das Kind hat keine Mitsprachemöglichkeit, oder?
Die Genitalverstümmelung weiblicher Kinder ist kein nur muslimischer Brauch und ist ein übles Verbrechen und muß als solches bestraft werden.Die Kinderehe. Alles in mir lehnt das ab. Aber was tun wir, wenn solch ein Ehepaar in unser Land kommt? Einfach für ungültig erklären? Geht das? Das Kind, das Mädchen muß geschützt werden. Aber wenn sie das nicht will? Was ist mit Kindern aus diesen Kinderehen? Wie wäre die Lage, wenn ein gleichgeschlechtliches verheiratetes Paar in ein Land kommt, das eine solche Ehe nicht erlaubt?

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Eine Erwähnung weiblicher Genitalbeschneidung wurde in einem griechischen Papyrus in Ägypten, circa 163 v. Chr., gefunden. Die Praktiken sind somit älter als das Christentum und der Islam. Dennoch wird oft geglaubt, dass diese Praxis im Islam begründet ist. Zu den Religionsgruppen, die die Beschneidung weiblicher Genitalien praktizieren, zählen in erster Linie Muslime, aber auch Christen verschiedener Glaubensrichtungen, äthiopische Juden und Anhänger traditioneller Religionen. In Sierra Leone, wo 90 Prozent aller Frauen beschnitten sind, hauptsächlich nach Typ II, wird die Beschneidung von allen christlich und muslimisch geprägten ethnischen Gruppen mit Ausnahme der Kreolen praktiziert. Allerdings geht die Praxis auf vorchristliche und vorislamische Zeit zurück. In den Ländern, in denen die Mädchenbeschneidung üblich ist, nehmen vor allem ungebildete Gläubige häufig an, sie sei religiös vorgeschrieben. Im Islam ist dies je nach Auslegung auch Lehrmeinung.  
So sagt Wiki.

Montag, 8. August 2016

WIEN 2 - Vor und hinterm Heldenplatz

An einem der Eingangstore zum Heldenplatz:

 
HELDENPLATZ
Am 15. März 1938 verkündete Adolf Hitler vom Balkon der Neuen Burg aus den versammelten Wienern auf dem Heldenplatz den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Ernst Jandl beschreibt das so:

der glanze heldenplatz zirka
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans maskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick
und brüllzten wesentlich.

verwogener stirnscheitelunterschwang
nach nöten nördlich, kechelte
mit zu-nummernder aufs bluten feilzer stimme
hinsensend sämmertliche eigenwäscher.

pirsch!
döppelte der gottelbock von Sa-Atz zu Sa-Atz
mit hünig sprenkem stimmstummel.
balzerig würmelte es im männechensee
und den weibern ward so pfingstig ums heil
zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.

Ernst Jandl

Und gleich hinterm Heldenplatz ist das Museumsquartier mit dem Leopoldmuseum:
 
EGONSCHIELE EGONSCHIELE EGONSCHIELE EGONSCHIELE EGONSCHIELE

 Vestibül des Leopold-Museums mit Licht/Schatten Effekten

Schwarzhaariges Mädchen mit hochgeschlagenem Rock 1911

 Selbstportrait ???

Osen 1910 Mit angelegten Handspitzen

LINKS UND RECHTS
 


 
RECHTS


Wally Neuzil und Egon Schiele 1912

Haus am Fluß 1915
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Gustav Klimt Sehr große Pappel am Attersee 1902/03

KLEINER NACHTRAG ZU GESTERN
 
Ehrentafel für die im Kampf gegen die Türken gefallenen ehrsamen Wiener Handwerker

Und am Rande:

Ein Orientteppichladen, der wie ein orientalischer Teppichladen aussieht.

Sonntag, 7. August 2016

WIEN 1 - zu viel Barock, zu viel Pomp, aber doch schön.


Ein mit Blumen bemaltes Haus in Wien

Blumen in Wien
 
Im Kunsthistorischen Museum


Markgraf Albrecht von Brandenburg, Herzog von Preussen (1490-1568)
Norddeutschland um 1526, Eisen und Leder
Eine Rüstung mit Faltenrock, Blähbrust, Entenschuhen, Vogelkopf und übergroßen Handschuhen - Alexander McQueen hätte seine Freude gehabt! Cranach der Ältere hat ihn gemalt, den Markgrafen, der vielleicht mal in der lustigen Rüstung steckte und so sah er aus:

Wiki schreibt: Albrecht von Preußen (* 17. Mai 1490 in Ansbach; † 20. März 1568 auf der Burg Tapiau) war der erste Herzog in Preußen. Der Prinz von Ansbach aus der fränkischen Linie der Hohenzollern, seit 1511 Hochmeister des Deutschen Ordens, trat 1525 zur Reformation über, säkularisierte den Deutschen Orden in Preußen und wandelte den katholisch dominierten Ordensstaat in das lutherische, unter polnischer Lehenshoheit stehende Herzogtum Preußen um, das er bis zu seinem Tod regierte.
Was für eine Vorstellung, der Mann, Herzog von Preussen, Lutheraner, Staatsmann, scheinbar mir schwerem Schielfehler und recht stämmig, presst sich in diese modische Rüstung. Um was zu tun? Krieg zu führen? Cool zu wirken?

Jacobus Vrel
Frau am Fenster 1654
Ganz heutig. Schön, oder?

Hans von Aachen 1604
Erzherzogin Anna, Tochter von Erzherzog Ferdinand II.Landesfürst von Tirol
Gemahlin von Kaiser Matthias
Man beachte die zarten roten Ohrenaufsätze!

Pieter Aertsen
Marktszene um 1560/65
Erinnert mich stark an sozialistisch/realistische Arbeitergemälde der DDR
Wir sind stolz! Mehr Hühner! Mehr Brot! Vorwärts!

Albrecht Dürer 1526
Ein Bildnis des Johannes Kleeberger aus Nürnberg [in seinem] Lebensalter von 40 Jahren
Den habe ich doch gerade heute in einem Cafe gesehen!

Bernardo Strozzi 1582-1654
Predigt Johannes des Täufers
Keine Predigt, eine Diskussion auf Augenhöhe, das wird nur noch deutlicher durch das interessiert von dem aus der Mitte von unten aufschauenden Kind.

Samuel van Hoogstraaten 1627-1687
Alter Mann am Fenster 1653
Wahrscheinlich ein Bildnis des Rabbiners Jom Tow Lipman, der erwirkte, dass Juden in der Wiener Leopoldstadt wohnen konnten.